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Coronavirus-Update – Lehrstück für die Wissenschaftskommunikation

Prof. Dr. Christian Drosten, Direktor des Instituts für Virologie an der Charité in Berlin, hat als Wissenschaftler in nur wenigen Wochen eine erstaunliche Karriere als Medienstar hingelegt. Seit Anfang Februar ist der Experte jeden Wochentag eine gute halbe Stunde im Podcast „Das Coronavirus-Update“ bei NDR-Info zu hören. Was macht den Erfolg des Wissenschaftlers aus?

Wie geht Wissenschaft?

Noch vor drei Wochen hätte man es eher für unwahrscheinlich gehalten, dass jeden Tag Hunderttausende Menschen einen Podcast hören, in dem ein Virologe biologische und medizinische Zusammenhänge erläutert und darüber en passant immer wieder deutlich macht, wie Wissenschaft funktioniert: Wie Forscher*innen Studien planen, wie das wissenschaftliche Publikationssystem angelegt ist und warum Forschungsergebnisse stets im Kontext ihrer Entstehung zu bewerten sind.

Abwechselnd befragt von den beiden NDR-Wissenschaftsredakteurinnen Korinna Hennig und Anja Martini erklärt Christian Drosten den Menschen, was sie über COVID19 wissen müssen, welche Spuren die Forschenden gerade verfolgen und welche neuen Erkenntnisse es gibt. Er geht auf einzelne Fragen der Hörer*innen ein – alles unter dem Anspruch, zu informieren, ohne Panik zu verbreiten.

 

Für den Erfolg des Angebots ist der aktuelle Ausnahmezustand sicherlich eine wichtige, aber nur eine Erklärung. Christian Drosten ist ein hervorragender Wissenschaftskommunikator – es lohnt sich, genau zu analysieren, wie er seine Informationen vermittelt und wie er als Experte in der Öffentlichkeit auftritt.

Neun Ansatzpunkte für die Wissenschaftskommunikation

Relevanz: Ohne Zweifel spielt die aktuelle Relevanz des Coronavirus eine zentrale Rolle für das enorme Interesse. Dass es dem Team von NDR-Info und Christian Drosten gelingt, die Hörer*innen nun schon seit Wochen bei der Stange zu halten, hat aber auch mit seiner Aktualität und Regelmäßigkeit zu tun. In einer Zeit, in der sich die Lage jeden Tag ändert, bietet dieser Podcast Sicherheit. Denn jede Episode greift zur immer gleichen Zeit am Tag die Themen auf, die am Tag jeweils relevant sind: der Sinn von Schulschließungen zum Beispiel, die Sicherheit der Ergebnisse von Labortests, die Wirksamkeit von Masken.

Verständlichkeit: Christian Drosten hat keine Scheu, seine Fachsprache hinter sich zu lassen und mit Bildern und Vergleichen Inhalte zu vereinfachen, um sie verständlicher zu machen. Sein Fachpublikum adressiert er parallel mit entsprechendem Hinweis: „Achtung, hier verkürze ich, um es meinem Publikum leichter zu machen“ – eine gute Strategie gegen die Angst vor Imageverlust in der wissenschaftlichen Community.

Dialog: In jeder Episode des Podcasts geht es auch um Fragen, die von den Hörer*innen an die Redaktion geschickt wurden. Das stärkt die Relevanz und bringt die Perspektive des Publikums ein, das sich auf diese Weise mitgenommen und verstanden fühlt.

Rollentransparenz: Immer wieder betont Christian Drosten, wie er seine Rolle als Wissenschaftler versteht, wenn es um Entscheidungen wie Ausgangssperre oder Verbot von öffentlichen Veranstaltungen geht. Seine Expertise sei nur eine im Konzert von anderen Stimmen, die Politiker*innen in dieser Situation anhören müssten. Geht es um Fragen, die seine wissenschaftliche Kompetenz überschreiten, grenzt er sich ab, antwortet mit dem Hinweis, dass er hier kein Experte mehr sei, und eine persönliche Meinung äußere.

Fehlbarkeit: Was Christian Drosten für viele zu einem Ausnahme-Wissenschaftler macht und seine hohen Sympathiewerte erklärt, ist seine Bereitschaft, Fehleinschätzungen einzugestehen. Hat er in einer Episode noch vermutet, die Ausbreitung des Virus werde sich verlangsamen, wenn die Temperaturen steigen, so revidiert er diese Annahme nur eine Folge später mit dem Hinweis auf neue Studien. Diese belegten das Gegenteil – für ihn überzeugend. Was ihn dabei glaubwürdig macht und seine Vertrauenswürdigkeit stärkt: Er macht transparent, warum er seine Einschätzung geändert hat.

Persönlichkeit: Christian Drosten zeigt sich in dem Podcast immer wieder auch von seiner persönlichen Seite: Er berichtet von seinem Alltag zwischen Charité, Ministerien, die er berät, und Interviews. Er erzählt, wie er die Situation als Familienvater erlebt und wie er am Wochenende auch mal abschaltet von der enormen Belastung in dieser Zeit. Das stärkt die Bindung zu seinem Publikum, weil er nahbarer und damit auch vertrauenswürdiger erscheint.

Gesprächssteuerung: Christian Drosten geht einerseits sehr direkt auf die Fragen des Publikums ein. Andererseits gelingt es ihm auch, eigene Themen zu setzen, die Aspekte in das Gespräch zu bringen, die ihm in der aktuellen Situation als relevant erscheinen. Hier macht er stets deutlich, dass ihm diese Inhalte am Herz liegen („ich möchte noch mal auf ein Thema eingehen, das ist mir an dieser Stelle besonders wichtig“) – und hat damit in der Hand, zentrale Botschaften zu setzen.

Social Listening: Christian Drosten sendet nicht nur – er hört auch zu und beobachtet die Medienresonanz, unter anderem auf Twitter. Offensichtlich kommuniziert er auch dort regelmäßig und als Profi – mehr als 190.000 Follower verzeichnet sein Account (Stand 26.3.). So gewinnt er einen guten Eindruck, wie seine Botschaften ankommen und kann ggf. korrigieren oder nachlegen, wenn er den Eindruck hat, falsch verstanden oder inkorrekt wiedergegeben zu sein.

Selbstverständnis: Christian Drosten kommuniziert aus einer klaren Mission heraus: Aus der Sars-Krise habe er gelernt, sagt Drosten in einem Gespräch für ein Porträt in der ZEIT, dass neben der transparenten Verbreitung von wissenschaftlichen Daten die offene Kommunikation mit der Bevölkerung essenziell sei. Dafür nimmt er sich in der aktuellen Krise entsprechend Zeit – ohne dabei die Bedenken auszuschalten, in welchem Maße ihm das als Wissenschaftler noch guttut.

Professionelles Team

Der Erfolg des Podcasts hat sicher sehr viel mit dem Experten zu tun, der seine Rolle als Wissenschaftskommunikator bestens erfüllt. Gleichzeitig hat er das Glück, mit einem ebenso professionellen, inzwischen zehnköpfigen Team zusammenzuarbeiten, das eine Multi-Channel-Strategie verfolgt: Auszüge aus den Podcasts gibt es im Hörfunk-Programm bei NDR-Info, zweimal am Tag. Der Podcast ist auf allen gängigen Podcast-Portalen zu abonnieren, aber auch über YouTube zu hören. Seit Samstag, 21. März, gibt es sogar eine TV-Fassung. Weil Hörer*innen es wünschten, stehen alle Podcasts auch als Skript zur Verfügung.

Die Journalistinnen Korinna Hennig und Anja Martini lesen sich vor den Gesprächen in die aktuellen Studien ein, beschäftigen sich mit den Publikumsfragen und sind mit ihrem Hintergrund als Wissenschaftsjournalist*innen entsprechend gut vorbereitet.

Grundsätzlich war es natürlich eine grandiose Idee, zu diesem komplexen und hoch aktuellen Thema, dessen Nachrichtenlage sich stündlich ändert, einen täglichen Podcast herauszubringen. Bleibt abzuwarten, wann wir nun mit einem „Klimawandel-Update-Podcast“ rechnen können. Dringlichkeit besteht auch zu diesem Thema – sicher sogar über die Zeit der akuten Corona-Krise hinaus.

Weitere Informationen:

Podcast „Das Coronavirus-Update“ – alle Folgen des Podcasts auf der Website

„Der Informant“ – Porträt des Virologen Christian Drosten von Harro Albrecht, Die ZEIT, 5.2.2020

„Über 15 Mio. Abrufe: Der gewaltige Erfolg des ‚Coronavirus Update‘“, Meedia, 26.3.2020

 

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