„Wir wagen dieses Experiment“

Zu sehen ist Meinolf Ellers: Ein mittelalter Mann mit Brille, der freundlich in die Kamera schaut.

Die Initiative #UseTheNews möchte junge Menschen stärker für journalistische Informationen interessieren und die Medien unterstützen, junge Zielgruppen besser anzusprechen. 2024 hat die Initiative zum „Jahr der Nachricht“ erklärt, wir sind als Medienpartner mit an Bord. Hier erzählt Meinolf Ellers, Geschäftsführer von #UseTheNews und dpa-Journalist, warum die Medien von der Jugend lernen müssen und wie das gelingen kann.

Mann beißt Hund: Wie kam es zur Initiative #UseTheNews?

Meinolf Ellers: Gemeinsam mit dem Hamburger Senat veranstaltet die dpa seit vielen Jahren das Scoopcamp, eine journalistische Innovationskonferenz. Vor einigen Jahren war der Pulitzer-Preisträger und langjährige Chefredakteur des Guardian, Alan Rusbridger, zu Gast. Er erzählte, er mache sich große Sorgen über das mediale Desinteresse der unter 30-Jährigen. Das fanden wir so interessant, dass wir uns gemeinsam mit Senator Carsten Brosda entschieden, eine Studie zur Mediennutzung junger Menschen zu beauftragen. Deshalb haben wir uns mit dem Leibniz-Institut für Medienforschung zusammengetan.

Parallel zur Studie haben wir Strukturen aufgesetzt, um mit den Ergebnissen weiterzuarbeiten – und zwar in zwei Richtungen: Journalismus und Bildung. Darum haben wir zwei Einheiten aufgebaut: Das „News Literacy Lab“ für die journalistische Seite und im Bildungsbereich das Projekt „Open News Education“. Beide sind als Schnittstellen in die Praxis an der Hamburger Hochschule für angewandte Wissenschaften angesiedelt. Auf der Praxis-Seite haben wir mittlerweile ein Netzwerk mit über 40 Partnern aus dem Medienbereich, dem Bildungsbereich und den Landesmedienanstalten.

Sie haben 2024 zum „Jahr der Nachricht“ erklärt. Warum braucht die Nachricht Unterstützung?

Die Studie hat unsere Besorgnis bestätigt. Das wird deutlich am Zitat einer 16-jährigen Studienteilnehmerin, die sagte: „Ich weiß gar nicht, was Nachrichten mit meinem Leben zu tun haben.“ Der Satz bringt genau auf den Punkt, warum wir #UseTheNews gestartet haben. Die Wissenschaftler*innen haben herausgefunden, dass ein Drittel der 14- bis 24-Jährigen keine Ahnung hat, was in der Welt geschieht. Sie sagen: „Nachrichten sind uns völlig egal und haben in unserem Leben keine Bedeutung.“ Unsere große Sorge ist, dass wir uns von der informierten Gesellschaft in eine zum größten Teil desinformierte Gesellschaft bewegen, denn das hätte tiefgreifende Konsequenzen für die Demokratie.

Das Jahr der Nachricht hat auch einen historischen Aufhänger: 2024 feiern wir 75 Jahre Grundgesetz und insbesondere 75 Jahre Artikel 5 zur Presse- und Meinungsfreiheit. Aus unserer Sicht standen die Werte und die Versprechen, die mit Artikel 5 verbunden sind, für große Teile der Bevölkerung noch nie so sehr in Frage wie heute.

Man könnte andererseits sagen, dass sich die Meinungsfreiheit mit den sozialen Netzwerken weiterentwickelt hat. Die Welt ist vielstimmiger geworden.

Natürlich gab es am Beginn der Digitalisierung die Erwartung, dass das Internet den Zugang zur ganzen Breite der Weltinformation ermöglicht. Vorher hatten die Medien eine Aufgabe als Schleusenwärter. Sie haben Dinge zurückgehalten, aber die Menschen haben Informationen in Portionen bekommen, die sie verarbeiten konnten. Jetzt sind die Schleusen geflutet und viele Menschen haben das Gefühl, dass sie auf einem kleinen Floß auf dem riesigen Meer der Informationen treiben. Sie können sich gar nicht mehr zurechtfinden und unterscheiden: Steuere ich auf eine Fata Morgana zu oder ist das ein Leuchtturm?

In der Folge sinkt das Vertrauen in die Medien. Wir haben im aktuellen Reuters Report für die Frage „Vertraust du Nachrichten?“ bei den 18- bis 24-Jährigen die niedrigsten Werte, die je gemessen wurden. Wir haben neue Phänomene wie Nachrichtenmüdigkeit und Nachrichtenvermeidung – und gleichzeitig eine Realtime-Nachrichtenumgebung. Der Schriftsteller Aldous Huxley hat schon in den 1930er Jahren gesagt: „We are all overnewsed but underinformed.“ Dieser Satz ist nie richtiger gewesen als jetzt.

Zu den Aufgaben von Journalist*innen gehört auch die Entscheidung, welche Nachrichten relevant sind. Aber viele junge Menschen erreichen sie damit offenbar nicht. Müssen wir neu verhandeln, was relevant ist?

In den sozialen Netzwerken bestimmt derzeit der Algorithmus die Relevanz, darauf haben wir keinen direkten Einfluss. Wir können aber journalistische Angebote machen, die den Journalismus und die jungen Zielgruppen wieder zusammenführen. Das ist einer der Schwerpunkte von #UseTheNews. Zum Beispiel planen wir 2024 Modellprojekte zwischen Lokalredaktionen und Schulklassen. Die Jugendlichen beschäftigen sich dabei journalistisch mit der Zukunft ihrer Region, das ist auch ihre persönliche Zukunft. Zum Beispiel arbeiten wir mit einem Internat in Ostfriesland zusammen. Dorthin gehen die Kinder, die von den ostfriesischen Inseln kommen. Dort könnte eine Schülerin aus Borkum der Frage nachgehen, ob es Borkum in 20 Jahren noch gibt, obwohl der Meeresspiegel steigt. Näher kann man der Lebenswirklichkeit junger Menschen nicht kommen. Die Schüler*innen führen dann zum Beispiel ein Interview mit einem Deichbau-Verantwortlichen der Region und filmen das mit dem Smartphone. Der Lokalzeitungspartner coacht und veröffentlicht das Ergebnis als Koproduktion. Die jungen Menschen können das Material auch für ihren eigenen Tiktok-Kanal nutzen. So versuchen wir, das Angebot auf die Interessen der Jugendlichen zuzuschneiden und zugleich den Bezug zwischen Journalismus und ihrem eigenen Leben herzustellen.

Wie binden Sie Jugendliche bei der Entwicklung solcher Ideen ein?

Neben Journalismus und Bildungsbereich sind die Jugendlichen unsere dritte Zielgruppe. Um sie zu erreichen, haben wir die NewZee-Community aufgebaut. Die jungen Menschen sind Expert*innen, aber auch Co-Creator*innen. Wir binden sie aktiv ein und sie haben die Chance, früh in die Medienhäuser zu kommen. In unserem Programm „NewZee-Fellowship“ bieten die Medienhäuser eine Mitarbeit in Projekten an, die in der jungen Zielgruppe relevant sind. Das kann zum Beispiel ein neues Podcast-Format sein, ein Konzept für einen TikTok-Kanal oder etwas ganz anderes. Wenn es wirklich Talente sind, dann steht es dem Medienhaus natürlich frei, ihnen danach eine Ausbildung anzubieten. Die ersten drei aus der Community haben inzwischen Volontariate bekommen. Ich erhoffe mir vom „Jahr der Nachricht“, dass wir die NewZee-Community deutlich ausbauen.

Was ist 2024 noch geplant?

Das Herzstück unserer Aktivitäten wird der Social Newsdesk. Das hat es noch nie gegeben, aber wir wagen dieses Experiment. Die Idee ist, dass wir so etwas wie News-Influencer oder Journalismus-Influencer brauchen – eine Art Vermittler zwischen Audience und Journalismus, die mit den Erfolgsrezepten der Influencer arbeiten. Aus unserer Influencer-Studie wissen wir, dass wir Gesichter kreieren müssen. Die Jugendlichen schenken ihr Vertrauen nicht einem Medium, sondern einem Gesicht, einem Menschen ihres Alters, der sich gut ausdrückt und unterhaltsam ist.

Unser Social Newsdesk hat 2024 in jeder Woche einen Medienpartner, der seine ganze Kompetenz mitbringt. Aber die Medienpartner und ihre Audiences gehen derzeit viel zu oft aneinander vorbei. Die Medien arbeiten noch immer nach dem Sender-Empfänger-Prinzip. Viele junge Menschen finden das nicht gut verständlich und wenig glaubwürdig. Diese Vermittlungslücke möchten wir durch Moderation schließen.

Was versprechen Sie sich vom Jahr der Nachricht?

Ich hoffe, dass das Thema Anfang 2025 eine viel größere Sichtbarkeit in Deutschland haben wird. Und dass wir gezeigt haben werden, wie der Social Newsdesk junge Zielgruppen erreichen kann. Wenn das gelingt, werden sicher viele Partner Interesse daran haben, die Idee fortzuführen.