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Hass gegen die Wissenschaft – was tun?

Corona, Rechtsextremismus, Klimawandel – Wissenschaftler*innen, die sich mit einem politisch oder emotional aufgeladenen Thema beschäftigen, sind in den sozialen Netzwerken häufig Opfer von Diffamierungen, Bedrohungen und Hass. Einige Wissenschaftler*innen haben sich aus diesem Grund in den letzten Monaten von Portalen wie Twitter abgemeldet.

Ihre Stimmen fehlen nun im öffentlichen Diskurs. Bei unserem Stammtisch Wissenschaftskommunikation haben wir uns mit der Frage auseinandergesetzt, wie wir dem Hass gegen die Wissenschaft etwas entgegensetzen können und welche Unterstützungsangebote es für Betroffene gibt.

Screenshot Stammtisch Wissenschaftskommunikation: Hass im Netz gegen Wissenschaft - was tun?

Screenshot Stammtisch Wissenschaftskommunikation: Hass im Netz gegen Wissenschaft – was tun?

Als Expert*innen konnten wir Rebecca Winkels und Markus Kompa gewinnen, die am virtuellen Stammtisch ihr Wissen und ihre Erfahrungen mit den rund 20 interessierten Teilnehmer*innen teilten.

Rebecca Winkels ist studierte Biologin und Wissenschaftsjournalistin. Sie leitet bei „Wissenschaft im Dialog“ (WID) die Kommunikation und Strategie sowie die Projekte „Fast Forward Science“ und „Wissenschaftskommunikation.de“. Rebecca Winkels ist unter anderem bei Twitter und LinkedIn aktiv.

Markus Kompa ist Fachanwalt für Urheber- und Medienrecht. Er vertritt Menschen, deren Persönlichkeitsrechte im Internet und in den Medien verletzt werden. Außerdem schreibt er Polit-Triller, in dem es auch um den Meinungskampf im Internet geht. Markus Kompa kommuniziert bei Twitter und LinkedIn.

Hass gegen die Wissenschaft – DAS tun!

Zehn Tipps gegen Hass im Netz

Vorweg: In einer guten Welt würden die Täter*innen sich reflektieren und aufhören, andere im Internet zu beleidigen oder zu bedrohen. Eigentlich müssten die Täter*innen ihr Verhalten ändern – nicht die Opfer. Aber leider wird es Hass im Netz wohl immer geben, so dass die folgenden Tipps für Betroffene und Menschen gedacht sind, die dem Hass etwas entgegensetzen wollen.

1.     Don’t feed the troll: Man muss nicht auf alles antworten

Auch wenn jeder gehässige Kommentar wehtut: Etwas Abstand zu den Social-Media-Plattformen hilft dabei, Reaktionen einzuordnen und sich emotional zu schützen. Verfasser*innen von Hassnachrichten wünschen sich von ihren Opfern oftmals eine emotionale Antwort – ignorieren ist hier häufig eine gute Entscheidung.

2.     Beweise sichern

Wer Hass im Netz erfährt, sollte Beweise sichern, um bei rechtlichen Schritten höhere Erfolgschancen zu haben. Hierzu zählen Screenshots des jeweiligen Kommentars inklusive Datum und Uhrzeit. Für den Kontext ist es auch empfehlenswert, vorangegangene Kommentare zu dokumentieren. Zudem ist es hilfreich, Zeugen zu benennen, die per eidesstaatlicher Versicherung die Beleidigung bestätigen können, auch wenn der Beitrag schon gelöscht worden ist.

3.     Melde Hasskommentare beim Plattformbetreiber

Wenn strafrechtlich relevante Kommentare vorliegen, dann hilft in manchen Fällen das Netzwerkdurchsetzungsgesetz (NetzDG) weiter. Auf NetzDG-Löschanträge müssen Facebook, Twitter und Co. innerhalb von 24 Stunden reagieren. Das Meldesystem ist aber nicht einfach zu durchschauen und wirkt teilweise sehr willkürlich. Sollten die Portale nicht auf den Löschantrag reagieren, können unabhängige Meldeportale, wie sie etwa Hessen eingerichtet hat, den Druck auf Twitter und Co. erhöhen.

4.     Du bist nicht allein: Rechtliche Hilfe steht Dir zu

Beleidigung, Bedrohung und Volksverhetzung sind offline wie online Straftaten, gegen die man sich rechtlich wehren kann. Eine Anwältin oder ein Anwalt helfen weiter, wenn die Kommentare gegen das Gesetz verstoßen. Den Verfasser*innen drohen Geldstrafen. Sogar Gefängnisstrafen sind möglich. Anzeigen können bei den Portalen der Polizei auch online erstattet werden.

5.     Bereite dich in Trainings vor

Verschiedene Initiativen und Einrichtungen wie die Amadeu-Antonio-Stiftung oder die Grimme-Akademie bieten Trainings gegen Hate Speech im Netz an. Teilnehmer*innen lernen hier, mit dem Online-Hass umzugehen und den Täter*innen etwas entgegenzusetzen.

6.     Den Hassenden keinen Raum geben: unterstütze proaktiv

Hier sind wir alle gefragt: Wenn wir für Betroffene Partei ergreifen, sie in Schutz nehmen und Täter*innen konfrontieren, dann können wir dazu beitragen, die Täter*innen in ihrem Handeln zu isolieren. Gleichzeitig geben wir den Betroffenen das Gefühl, nicht allein zu sein. Auch unterstützende Direktnachrichten können dabei helfen.

7.     Suche dir Austauschmöglichkeiten

Mach den Hass öffentlich. Sprich mit Freund*innen, Kolleg*innen oder der Familie über verletzende Kommentare und was dich daran belastet. Auch wenn es wohlmöglich banal klingt: Gespräche helfen dabei, die Situation zu reflektieren, emotionalen Druck zu verringern und den weiteren Umgang mit der Situation planen zu können.

8.     Nutze Anlaufstellen gegen Hass im Netz

Verschiedene Einrichtungen sind bereits erfahren im Umgang mit Hass im Netz und können Wissenschaftler*innen gezielt unterstützen. Der Bundesverband Hochschulkommunikation hat mit Wissenschaft im Dialog ein gemeinsames Projekt gestartet, bei dem diese Expertise an einer Anlaufstelle speziell für Wissenschaftler*innen und Kommunikator*innen gebündelt werden soll. Weitere Unterstützungsangebote gegen Hass im Netz gibt es hier.

9.     Sich dem Risiko der eigenen Kommunikation bewusst sein

Bei emotional aufgeladenen Wissenschaftsthemen hilft es, die möglichen Folgen der dazugehörigen Kommunikation bereits im Vorfeld einzuschätzen. Wer sich bewusst ist, dass die eigenen Forschungsergebnisse zu einer hitzigen (Online-)Auseinandersetzung führen können, der kann später vermutlich auch (etwas) gelassener damit umgehen.

10.      Erstelle einen Krisenplan

Wenn sich Forschende auf den sozialen Netzwerken zu gesellschaftlich brisanten Themen äußern, ist es hilfreich, vorab einen Krisenplan zu erstellen. Dafür könnten verschiedene Szenarien durchgespielt werden. Durch „Was mache ich, wenn …“- Formulierungen, Klärung der Zuständigkeiten und Ansprechpartner*innen sowie Leitfäden können Betroffene souveräner mit möglichen Shitstorms umgehen.

Fazit des Abends

Gemeinsam können wir etwas gegen den Hass unternehmen. Es liegt an uns, einzugreifen, wenn jemand online beleidigt oder wissenschaftliche Arbeit diskreditiert wird. Zusammen können wir eine Atmosphäre schaffen, in der Opfer nicht allein bleiben und Täter*innen keinen Applaus bekommen. Es hilft zudem, sich selbst und die eigene Arbeit zu reflektieren, Krisenpläne zu erstellen und rechtliche Hilfe wahrzunehmen. Gleichzeitig müssen zentrale Strukturen entstehen, bei denen Opfer akut Hilfe erfahren. Die gemeinsame Plattform von Wissenschaft im Dialog und des Bundesverbands Hochschulkommunikation ist dazu ein wichtiger Beitrag.

Die gesammelten Empfehlungen des Abends

  • Blogbeitrag über die geplante Plattform von WiD und dem Bundesverband Hochschulkommunikation
  • Vortrag „Anatomie eines Shit-Tsunamis“ von Marcus Kompa und Richard Gutjahr bei der re:publica
  • Podcast von WiD: Wissenschaftler*innen in der Öffentlichkeit

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