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Wenn Schweigen (k)eine gute Antwort ist

In unserer Talkshow S!LENT schweigen die Gäste – das bringt unsere Moderatorin Kirsten Kahler jedoch nicht aus der Ruhe. Mit der ehemaligen NDR-Moderatorin und Medientrainerin haben wir über Schweigen als besondere Form der Kommunikation gesprochen.

MbH: Kirsten, unsere Show S!LENT war sicher nicht die erste Talkshow, die du moderiert hast. Kannst du dich erinnern, ob Interviewpartner*innen je auf eine deiner Fragen mit Schweigen geantwortet haben? Wenn ja, in welchem Zusammenhang war das und wie hast du reagiert?

KK: Das ist mir noch nie passiert, denn Schweigen gilt in Talkshows und Interviews eigentlich als No-Go. Interviewpartner*innen befürchten, dass es ihnen in Form von Schwäche ausgelegt werden könnte, als würde ihnen nichts zum Thema einfallen, als seien sie perplex oder würden sich schuldig fühlen.

MbH: Du arbeitest inzwischen als Medientrainerin. Was rätst du deinen Klient*innen: Wann und wie lässt sich Schweigen als in Interviews gut einsetzen?

KK: Schweigen in modifizierter Form kann hilfreich sein. Da gibt es verschiedene Varianten:

Wenn man zum Beispiel nur mit Ja oder Nein antwortet, also mit nur ein oder zwei Worten, dann setzt das einen Punkt. Das bringt den Interviewer aus dem Konzept, denn er muss sehr schnell die nächste Frage „nachladen“.

Außerdem trainieren wir in Medientrainings oft die Kürze. Denn die meisten Menschen kommen nur über Umwege zum Punkt, so dass die Zuhörer*innen schon fast schlafen, wenn es zum Kern der Aussage kommt.

Und zu guter Letzt gilt im Medientraining die goldene Regel: „Antworte nie auf Fragen, die nicht gestellt worden sind“. Vor allem in der Krisenkommunikation ist es eine Kunst, sich nicht zu verplaudern. Aber je mehr man redet, desto leichter passiert das. Insofern ist es schon eine Art Schweigen, was wir mit dem Klienten trainieren.

MbH: In welchen Fällen würdest du dagegen vom Schweigen abraten?

KK: Vom echten „wörtlichen“ Schweigen würde ich grundsätzlich abraten, weil auch ich denke, dass es als Schwäche ausgelegt wird. Aber in einem Einzelinterview im TV kann es effektvoll sein, schweigend eine starke Körpergeste zu vollführen. Zum Beispiel ein Zeigen mit der Hand auf einen Punkt oder die flache Hand vor der Kehle für „Niemals“.

Aber schon in einer Talkshow geht das unter. Der Moderator wird einfach zum nächsten Talkshow-Gast weiterleiten.

TV-Interviews leben vom Ton. Wer schweigt, wird überhört. Damit funktioniert Schweigen im Radio schon gar nicht. Man könnte dann denken, die Verbindung sei abgebrochen.

Aber nicht missverstehen: Es geht hier nicht um Geplapper. Kompetent wirkt man als Interviewpartner*in nur, wenn man nicht sekundenschnell pariert und über jedes Stöckchen springt.

MbH: Was macht den Unterschied zwischen einer Pause und dem bewussten Schweigen?

KK: Zuhörer*innen haben ein feines Gefühl für Sprechfluss. Die Länge einer Sprechpause ergibt sich aus dem Sprechtempo. Sie entspricht in etwa einem entspannten Atemzug. Wenn man diese Pause eine Winzigkeit dehnt, dann entwickelt sie eine Sogwirkung auf die Zuhörer*innen. Was vor der Pause gesagt wurde, bekommt dann noch mehr Nachdruck. Außerdem bekommen die Zuhörer*innen die Chance, das Gehörte zu verarbeiten.

Tja, aber ab wann ist die Pause ein Schweigen? Nehmen wir die Situation: Der Interviewpartner antwortete und schwieg hernach. Als Interviewerin kann ich in dem Moment nur ahnen, dass mein Gegenüber nichts mehr sagen möchte. Meistens ergibt sich das aus dem Kontext. Man merkt, ob das Gegenüber sein Thema abgeschlossen hat oder nicht.

MbH: Kennst du Beispiele aus Interviews in denen ein Schweigen sehr vielsagend war?

KK: Ja. Es gibt ein ZDF-Interview von Rainer Günzler mit dem Boxer Norbert Grupe von 1969.

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Wohlgemerkt: Der Mann war sehr, sehr wütend. Das Schweigen war also kein kühl kalkuliertes Stilmittel. Außerdem war es ein Einzelinterview im Fernsehen, keine Talkshow und kein Radioformat.

Und noch etwas: Man schaue sich das Interview an und frage sich: Wer ist der Gewinner des Interviews, wer der Verlierer? Es wird viele geben, die Norbert Grupe gerade nicht für den Gewinner halten.

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