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Kinder und Fluglärm: Was heißt da neutral?

Im vergangenen Jahr haben wir die Veröffentlichung einer Studie unterstützt, auf die viele Menschen im Raum Frankfurt lange gewartet haben: die NORAH Kinderstudie. Das war der erste Teil der NORAH Gesamtstudie, der bislang umfangreichsten Untersuchung der Auswirkungen von Verkehrslärm auf den Menschen. Der restliche und weitaus größere Teil wird erst im kommenden Herbst fertiggestellt und veröffentlicht.

Wir stecken also mittendrin! Heute ist internationaler Tag gegen Lärm – ein guter Termin für eine Zwischenbilanz.

NORAH Kinderstudie - Tests im Klassenzimmer

Test im Klassenzimmer

Unsere Gedanken zu Beginn dieses Auftrags habe ich hier genau vor einem Jahr gebloggt. Damals schrieb ich über unsere Auswahl als Agentur:

Offensichtlich wurde es eher als Vorteil betrachtet, dass wir als Hamburger einen neutralen Blick von außen auf die Lage vor Ort werfen können.

Natürlich ist es unser Ziel, neutral zu kommunizieren. Aber was heißt das, wenn auf sich auf beiden Seiten eines Themas verständliche Interessen gegenüberstehen? Je länger wir für NORAH arbeiten, umso klarer wird mir, dass wir hier etwas wirklich Neues erleben. Und zwar nicht wegen des Themas, sondern wegen der besonderen Struktur des Auftraggebers: NORAH ist eine von den wenigen wirklich interessenübergreifenden wissenschaftlichen Studien zu einem politisch brisanten Thema. Das Projekt wurde von einem breiten Bündnis initiiert, in dem sowohl Befürworter als auch Kritiker des Flughafens vertreten sind. Die Kommunikation der Ergebnisse war deshalb ein Drahtseilakt, der bisher gelungen ist. Unter anderem hatten wir folgende Ziele gesetzt:

  • Die wissenschaftliche Qualität, Objektivität und Unabhängigkeit von NORAH wird allgemein anerkannt.
  • Die Methoden und Ergebnisse sind einem breiten Publikum verständlich.
  • Die Notwendigkeit dieser Studie, ihre außergewöhnliche Methodik und der bislang einzigartige Umfang erscheinen plausibel.

 

Ein breites Bündnis als Initiator

Mitglieder des FFR

Mitglieder des FFR

Die Initiative zu NORAH kam vom Forum Flughafen und Region. Das ist ein Zusammenschluss von unterschiedlichsten Akteuren, die mit dem Frankfurter Flughafen verbunden oder von seinen Auswirkungen betroffen sind:

Im interdisziplinären wissenschaftlichen NORAH Konsortium arbeiten neun hochrangige Institutionen zusammen, von der Ruhr Universität Bochum über die TU Kaiserlautern bis zum Deutschen Zentrum für Luft und Raumfahrt (DLR), um nur einige zu nennen. Zur Qualitätssicherung wurde ein unabhängiger wissenschaftlicher Beirat eingerichtet: Hochrangige Wissenschaftler aus Deutschland, der Schweiz und den Niederlanden – völlig unabhängig von der politischen Diskussion vor Ort. Dieser Beirat hat ein Gutachten über die Kinderstudie geschrieben, das ihr eine hohe wissenschaftliche Qualität bescheinigt.

Beste Voraussetzungen also. Wo ist das Problem?

Die kommunikative Herausforderung

Die Herausforderung bei einer derart breit aufgehängten Auftragsforschung besteht darin, eine gemeinsame Interpretation der Ergebnisse zu finden. Denn Wissenschaft produziert zwar objektive Erkenntnisse, in diesem Fall so genannte Expositions-Wirkungskurven. Doch Journalisten fragen – berechtigter Weise – als erstes: „Was bedeutet das? Wie schätzen Sie das ein?“, und darauf muss man antworten können. Wir hatten die Aufgabe, eine gemeinsame Lesart der Ergebnisse zu finden, um gegenüber der Öffentlichkeit mit einer Stimme sprechen zu können. Das war nicht einfach, aus verständlichen Gründen. Schließlich kann es einem Unternehmen, das Lärm verursacht, nicht leicht fallen, als Absender von potenziell kritischen Erkenntnissen über die Auswirkungen dieses Lärms auf Kinder aufzutreten. Auch für die Vertreter der betroffenen Kommunen ist das brisant, weil Bürger schließlich fragen, warum ihnen diese Belastung zugemutet wird.

Schienen-, Straßen- und Fluglärm

Wie wirken Schienen-, Straßen- und Fluglärm zusammen? Auch das war eine der Fragestellungen der NORAH Studie (Foto: Umwelthaus GmbH / von Aichberger)

Die größte Gefahr für die Öffentlichkeitsarbeit besteht darin, dass sich in einer solchen Situation gar kein Konsens mehr finden lässt und die Studie deswegen nicht oder mit starker Verzögerung veröffentlicht wird. In Frankfurt fanden die Verantwortlichen eine gemeinsame Linie: Zur Pressekonferenz gab es eine Pressemitteilung des Umwelthauses und ein separates Statement des Forums Flughafen und Region. Beide orientierten sich an den Formulierungen, mit denen der Wissenschaftliche Beirat in seinem Gutachten die Ergebnisse umrissen hatte. Der Text konzentrierte sich auf die harten Fakten, und das war auch gut so. Schließlich hatten nach der Pressekonferenz alle Beteiligten die Möglichkeit, den Medien ihre persönliche Einschätzung der Studie mitzuteilen. Parallel dazu veröffentlichten wir am Tag der Pressekonferenz umfangreiche Informationsmaterialien, die die Ergebnisse ohne politische Bewertung in verständliche Sprache übersetzten. Konkret waren dies die neue Website www.laermstudie.de und eine neue Ausgabe der Broschürenserie NORAH Wissen (PDF, 2 MB).

Breite Resonanz, faire und korrekte Berichterstattung

Über die Kinderstudie wurde intensiv berichtet, in Print, TV, Hörfunk und Online. Hier nur einige Beispiele: SPIEGEL Online, Wirtschaftswoche, BILD, Frankfurter Rundschau.

Doch es war nicht nur die Menge der Berichte, die uns freute, sondern vor allem die Qualität:

  1. Es gab kaum sachliche Fehler – die Journalisten haben die Studie wirklich verstanden und verzichteten auf verzerrende Popularisierungen.
  2. Die Journalisten zogen die wissenschaftliche Qualität und Notwendigkeit der Studie – abgesehen von ein paar Ausreißern – nicht in Zweifel.
  3. Wissenschaft und Politik wurden nicht miteinander vermischt, sondern als getrennte Sphären anerkannt.

Die zwiespältige Haltung der Region zur Studie bringt dieser Tweet auf den Punkt:

 

Sieben Erfolgsfaktoren

Was lernen wir daraus? Einige Erfolgsfaktoren der NORAH-Kommunikation lassen sich auf andere Studien in kritischem Umfeld übertragen:

  1. Breites Bündnis, partizipativer Ansatz
    Luftverkehrswirtschaft, Kommunen und Bürgerinitiativen waren nicht nur nominell Auftraggeber von NORAH, sondern sie beteiligten sich auch finanziell an der Studie. Sie entsandten Vertreter in den sogenannten Begleitkreis, der zum Beispiel bei der Auswahl der Fragestellungen mitentscheiden konnte und über alle wesentlichen Schritte des Studienfortschritts informiert wurde.
  2. Ein integrer, möglichst hochrangiger wissenschaftlicher Beirat
    Die Kompetenz des Beirats wurde weder innerhalb des FFR noch in der Öffentlichkeit jemals in Frage gestellt. So hatten alle Beteiligten einen gemeinsamen Fixpunkt, auf den sie sich beziehen konnten.
  3. Unantastbarkeit der Wissenschaft als Paradigma
    Allen Beteiligten war klar, dass die wissenschaftlichen Ergebnisse unantastbar sind. In der Kommunikation wurde deshalb eine klare Trennung zwischen zwei Sphären eingehalten: Wissenschaftliche Texte und ihre für Laien verständliche Übersetzung einerseits – diese Texte wurden im Detail mit den Wissenschaftlern des Konsortiums abgestimmt und von diesen freigegeben. Und Pressetexte mit Absender FFR andererseits, die sich in ihrer Bewertung weitgehend auf das Gutachten des wissenschaftlichen Begleitkreises stützen, die aber nur unter den Mitgliedern des FFR abgestimmt wurden.
  4. Ein von allen Beteiligten akzeptierter Moderator
    Die Gemeinnützige Umwelthaus GmbH war nicht nur Auftraggeber der NORAH Studie, sondern zugleich der Moderator der Gespräche innerhalb des FFR über ihre Veröffentlichung. Ohne einen solchen Moderator hätte sich das Bündnis vermutlich nicht so schnell auf eine gemeinsame Position einigen können.
  5. Klare und belastbare Regeln für den Konfliktfall
    Für die NORAH-Studie war vertraglich festgelegt, dass die beteiligten Wissenschaftler ihre Ergebnisse mit einer gewissen Verzögerung auch ohne Zustimmung des Auftraggebers veröffentlichen können. So lässt sich schon im Vorfeld ausschließen, dass eventuell unerwünschte Ergebnisse unveröffentlicht bleiben. Solange bis diese vorliegen sollte zudem sichergestellt werden, dass der Auftraggeber auch dann beschlussfähig bleibt, wenn die Auswertungen nicht im Sinne einzelner Parteien ausfallen. Dafür braucht es einen Grundsatzbeschluss über das Verfahren der Veröffentlichung.
  6. Klare Aufgabenteilung zwischen Wissenschaft und Entscheidern
    Eine der zentralen Botschaften der NORAH-Kommunikation lautete von Anfang an: Die Wissenschaft weist nur die Zusammenhänge nach. Welche Entscheidungen daraus folgen, muss in der gesellschaftlichen und politischen Diskussion anschließend ausgehandelt werden. Deshalb verzichteten die NORAH-Wissenschaftler im Gespräch mit der Öffentlichkeit konsequent auf Spekulationen über mögliche Maßnahmen. Sie ersparten sich dadurch, im politischen Konflikt instrumentalisiert zu werden.
  7. Methodenkommunikation im Vorfeld
    Lange vor der Veröffentlichung der Ergebnisse haben wir ausführlich über die eingesetzten Methoden aufgeklärt. Die relevanten Multiplikatoren und Fachleute in der Region erhielten entsprechende Ausgaben von NORAH Wissen. So haben wir erreicht, dass bei der Veröffentlichung wirklich die Ergebnisse im Mittelpunkt standen und die Methoden kaum noch diskutiert wurden.

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