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Woher kommt die Substanz?

Fast auf den Tag genau vor einem halben Jahr endete die Crowdfunding Kampagne für das digitale Wissenschaftsmagazin „Substanz“. Über 37.000 Euro hatten Georg Dahm und Denis Dilba eingesammelt und damit ihr Ziel locker überschritten. Noch feilen sie am neuen Produkt. „Auf jeden Fall vor Weihnachten“ soll es endlich herauskommen, verkündete Dahm vor ein paar Tagen im schönen Konstanz, auf der Jahrestagung des Bundesverbands Hochschulkommunikation. Die beiden Hamburger waren an den Bodensee gereist, um Substanz den Pressesprechern von Hochschulen vorzustellen.

Werbepostkarte von Substanz

Substanz-Werbepostkarte – ganz aus Papier

Was sie vorhaben, wurde schon mehrfach beschrieben, zum Beispiel bei Plazeboalarm oder Vocer. Deshalb nur kurz: Substanz wird ein Wissenschaftsmagazin als WebApp sein, plattformübergreifend, mit einer großen Geschichte pro Woche und mehreren kleinen zusätzlichen Stücken zwischendurch. Diese Geschichten werden 3 Euro kosten, Abonnenten zahlen 9 Euro pro Monat („Take three and one for free“). Jede Geschichte soll „authentisch“ sein – dieses Wort fiel in Konstanz ziemlich oft. Dahm und Dilba suchen interessante Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die etwas zu sagen haben. Sie hängen ihre Geschichten an diesen Persönlichkeiten auf, um „Leser mental zu öffnen für das, was dann kommt“, nämlich die Forschung. „Geschichten aus dem Herzen der Wissenschaft“, sollen es werden. Dafür wollen sich die Autoren viel Zeit nehmen und nichts inszenieren: Keine „gestärkten Kittel“ zeigen, sondern auch das unaufgeräumte Büro. Vor Ort werde immer ein Fotograf dabei sein, der das multimediale Futter produziert, aus dem die Redaktion dann liebevoll komponierte digitale Schmuckstücke zaubert – „Snowfall“ ist das Vorbild.

Ein bisschen wie mare lesen

Als Abonnent müsste ich also Lust haben, mich einmal pro Woche etwa 45 Minuten mit meinem Tablet auf einen Wissenschaftler und seine Forschung einzulassen. Das kann im Prinzip alles sein, von der Quantenphysikerin bis zum Ägyptologen, vom Wirtschaftspsychologen zur Linguistin. Man braucht schon eine große Sehnsucht nach Wissenschaft, um das haben zu wollen. Ich stelle mir den „Substanz“-Leser deshalb so ähnlich vor wie den mare-Abonnenten, der sich regelmäßig in Sehnsuchtsgeschichten über das Meer versenkt. Die bekommt er oder sie allerdings nur alle zwei Monate und auf Papier. Vielleicht ist das auch das passendere Medium, um dem täglichen Einerlei der Bildschirmmedien zu entfliehen. Aber sei’s drum. Ich habe mir Snowfall extra nochmal angeschaut (obwohl ich Firestorm noch besser finde). Schon toll! Also: einen digitalen Wissenschafts-Firestorm, Sonntagabend im Bett, das kann ich mir sehr gut vorstellen – wenn mich das Thema interessiert. Wenn nicht, dann eben nicht. Sich auf nur eine Geschichte zu konzentrieren, finde ich die eigentliche Stärke von Substanz. Themen-Potpourris gibt es schon genug.

Dahm und Dilba waren in Konstanz sehr offen mit ihren Zahlen. Damit ihr Businessplan aufgehe, brauche Substanz in drei Jahren eine Leserzahl „im oberen vierstelligen Bereich“. Ich kann nicht einschätzen, wie schwer das zu erreichen ist. Es gibt andere Online-Wissenschaftsmagazine, die kommerziell nicht funktioniert haben. Matter zum Beispiel ging 2012 nach erfolgreichem Crowdfunding mit monatlichen Stories für 99 Cent an den Start. Heute kann man Matter kostenlos bei Medium lesen. Andere englischsprachige Online-Wissenschaftsmagazine sind von Stiftungen finanziert, wie Mosaic oder Nautilus.

Deshalb zielt Substanz auf den deutschsprachigen Markt. Denn hier gebe es außer der ZEIT kaum noch Medien, in denen Geschichten aus der Wissenschaft genügend Platz bekämen. Während er das sagte, hielt Dahm die Wissensseite der Süddeutschen Zeitung hoch. Kein Text länger als 5.000 Zeichen. Die Koordinaten der Marktnische sind also Deutsch, ein großes Thema pro Ausgabe, digitales Storytelling – und natürlich Qualität: „Wir wissen, was Qualität ist, was eine gute Story ist“, sagt Dahm, und das glaube ich ihm auch. Beide sind erfahrene Journalisten, die gerne erzählen, wie sie als Angestellte nacheinander das Ende der deutschen Ausgaben von Financial Times und New Scientist erlebt haben. Deshalb heißen sie Failbetter Media, frei nach Samuel Beckett.

Medienmogule und Chefredakteure

Diese Journalisten sind nun Verleger geworden, „Kleinstverleger im guten Sinne“, wie sie sagen. Und weil sie diesen Wandel vermutlich selbst komisch finden, nennen sie sich auf ihrer Website „Medienmogule“. Sie sind aber die einzigen Angestellten ihrer Firma. An diesem Punkt stellt sich die spannende Frage, wie das mit der Qualität genau funktionieren soll. Substanz wird von freien Autoren geschrieben werden. Deren Texte durchlaufen ein nach eigener Aussage strenges Redigat von Dilba und Dahm, die als Verleger zugleich Chefredakteure sind. Im Schnitt rechnen sie mit fünf Arbeitstagen der Autoren pro Artikel, in Ausnahmefällen vielleicht etwas mehr. Für „großen Journalismus“ ist das nicht viel, kann aber klappen, wenn die Autoren einerseits routiniert sind, andererseits viel Herzblut in das Projekt legen.

Eine entscheidende Frage blieb bisher unbeantwortet: Wer wird für Substanz schreiben? Die Krautreporter warben mit „25 Journalisten aus den besten Redaktionen Deutschlands“, die im Imagefilm auch auftraten. Substanz nennt einmal Christiane Löll , hält sich aber ansonsten bedeckt. Bei aller Sympathie für das Konzept: Die besten Geschichten werden ja nicht durch Verleger oder Chefredakteure so toll, auch nicht durch digitale Inszenierung, sondern durch diejenigen, die sie schreiben. John Branch gewann mit Snowfall den Pulitzerpreis. Ich wüsste gerne, von wem ich meine Substanz in Zukunft bekommen werde. Failbetter, wenn ihr das hier lest: Eine Liste von guten Redakteuren könnte mich vom sporadischen Leser zum Abonnenten machen. Denn wenn ich aus dem Meer der Wissenschaft nur die Themen herausfische, die mich persönlich interessieren, dann lese ich vermutlich nur jede fünfte Ausgabe. Das dürfte für euren Businessplan zu wenig sein. Ich sollte stattdessen denken: Super Team, die schreiben bestimmt auch über finno-ugrische Philologie so, dass ich es einfach lesen MUSS. Dann will ich das jede Woche haben.

Bin wirklich gespannt, was da kommt; wünsche viel Substanz und viel Erfolg!

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