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Snapchat für Bildung und Wissenschaft?

Letzte Woche haben wir in einem Workshop mit der wunderbaren ProfilAgentin Kixka das gerade so boomende Snapchat unter die Lupe genommen. Uns interessierte natürlich besonders: Macht das für unsere Kunden Sinn? Brauchen Hochschulen, wissenschaftliche Einrichtungen oder Bildungsanbieter jetzt neben Facebook, Twitter, YouTube, G+, iTunes, XING und LinkedIn auch noch einen Snapchat-Account? Unsere Antwort: Nein, zumindest jetzt noch nicht. Aber uns fallen schon einige nette Dinge ein, die man damit machen könnte. Mehr als andere Social Networks lädt Snapchat zum Experimentieren ein und eignet sich für sporadische Versuche.

Hier sind ein paar wenige Snaps der Teilnehmer zwischen normalem Filmmaterial zu sehen (z.B. Minute 1:42).

Was ist Snapchat?

Snapchat Code von Mann beißt Hund - Agentur für Kommunikation

Mann beißt Hund als Freund hinzufügen? Einfach mit der App diesen Code scannen.

Nur kurz, weil viele es schon beschrieben haben: Snapchat ist ein Instant-Messaging-Dienst, funktioniert nur über die App und ist in einigen Punkten radikal anders als andere soziale Medien. Es gibt keine Kommentare, keine Likes und keine Timeline. Nicht einmal Links lassen sich posten und nichts wird länger gespeichert als 24 Stunden. Wer einem Sender Feedback geben will, schreibt ihm – privat! Das zieht dem Kommentar-Spam schon mal den Boden unter den Füßen weg. Inhalte sind maximal zehn Sekunden lange Filme und Bilder, die sich mit einer kurzen Textzeile, eigenen Zeichnungen und Emojis ergänzen lassen. In der Regel kann der Empfänger sie nur einmal anschauen, dann verschwinden sie.  Die Snapchat App lässt die Kamera im Dauerbetrieb laufen. Dazu gibt es wilde Effektlinsen, die vor allem für junge Menschen den Spaßfaktor erhöhen, andere vielleicht abschreckt. Aber die muss man ja nicht benutzen.

Das Überraschendste an Snapchat sind seine extrem steilen Wachstumsraten von über 50 Prozent seit 2013. Allerdings sind manche Zahlen schwer zu glauben. So schreibt newscred, rund 100 Millionen Menschen nutzten den Dienst pro Tag, und diese schauten dort täglich 6 Milliarden Videos. Das wären durchschnittlich 60 täglich gesehene Videos pro Nutzer. Auch wenn diese nur zehn Sekunden dauern: als Durchschnitt ist das extrem viel. Im Vergleich zu Facebook mit seinen rund 1,5 Milliarden monatlichen Nutzern bleibt Snapchat Zwerg. Weitere Links zur Statistik findet ihr am Ende dieses Posts.

Und was soll das Ganze?

Snapchatter übermitteln eher weniger Informationen als  Stimmungen, Eindrücke und Erlebnisse. Deshalb der hohe Stellenwert von Emojis und Zeichnungen! Und sie wollen Spaß haben: Beliebtester Content auf Snapchat ist Comedy, schreibt Björn Tantau. Und weil Stimmungen und Scherze von gestern eigentlich niemanden interessieren, wird das Gestern bei Snapchat konsequent gelöscht. Alles dreht sich um das Hier und Jetzt. Wer bei Twitter und Facebook mühsam an seiner digitalen Reputation feilt, darf jetzt wieder unüberlegt drauflos snappen, denn in 24 Stunden ist der Spaß wieder gelöscht. Natürlich können  sowohl der Sender als auch der Empfänger Snaps verewigen: Empfänger machen einfach einen Screenshot oder nutzen spezielle Software, um Filme zu speichern. Sender können alles, was sie posten, auf ihrem Gerät speichern und anderswo hochladen. Nur fragt man sich dann: Warum nicht gleich Facebook, Instagram oder YouTube nehmen?

ZEIT Hamburg, 28.1.16

Hamburger Bürgerschaft als Comic in der ZEIT vom 28.1.16

Erfahrene Snapchatter schwärmen von der besonderen Intensität dieses Mediums. Mir als relativem Snapchat-Neuling fällt auf, dass die App einen besonderen Stil der Kommunikation provoziert, der mir plötzlich auch in vielen anderen Medien begegnet. Vielleicht ist es kein Zufall, dass ein Emoji zum britischen Wort des Jahres 2015 gewählt wurde, obwohl es Smileys schon lange gibt. Auch in anderen Medien entdecke ich plötzlich Elemente der Snapchat-Ästhetik: Spontane Collagen von Comic und Wirklichkeit, wie kürzlich in der ZEIT Hamburg.

 

Wie passt das in die Bildungs- und Wissenschaftskommunikation?

Spontan dachten wir: Überhaupt nicht. Bildung ist Kopfsache, da geht es um Fakten. Außerdem kämpfen wir alle um die Aufmerksamkeit der Suchmaschinen – Content Marketing heißt das Credo. Ist es da nicht eine unglaubliche Verschwendung, grafische Inhalte nur für 24 Stunden zu erzeugen, die Google nie finden wird? Wen will man damit erreichen?

Ich habe per Twitter ein paar kundige Menschen gefragt, was sie davon halten. Die Diskussion kam schnell auf das Thema Reichweite:

Klar, die meisten Kommunikationsabteiliungen sind zu stark ausgelastet, um sich auf einen weiteren Kanal mit so unklarem Nutzen einzulassen. Anders sieht es vielleicht aus, wenn es darum geht, Jugendliche zu erreichen, die  Facebook den Rücken gekehrt haben.

Für Jugendliche attraktiver als Facebook?

Snapchat ist definitiv was für junge Menschen. Laut statista ist mehr als die Hälfte der Snapchat-Nutzer zwischen 16 und 24 Jahre alt. Und eine Forrester-Studie sagt, dass Jugendliche Snapchat tatsächlich viel cooler finden als Facebook – trotzdem nutzen sie weiterhin den blauen Riesen. Das deckt sich mit dieser Aussage einer 20-jährigen Snapchatterin: 

Alle nutzten Facebook, es war Mainstream, dann kam Snapchat, also wollten alle weg von Facebook und hin zu Snapchat. Doch da nun Snapchat genau so wie Facebook, fast auf jedem Smartphone eines jungen Menschen zu finden ist, wird Facebook auch wieder stärker genutzt.

Das Studierendenmarketing einer Hochschule interessiert: Würden Schulabgänger sich eher bei einer Hochschule bewerben, weil sie einige Zehn-Sekunden-Clips einer Erstsemester-Party sehen? Unsere Antwort: Kann gut sein! Vielleicht vermittelt eine Vielzahl von Snaps ein Gefühl von „Hier bin ich richtig!“, wenn alle rationalen Informationen keine Entscheidung mehr bringen, weil die Angebote sich so stark ähneln. Und vielleicht unterstreicht der Kanal diese Aussage und wirkt frischer als die Facebook-Seite – vor allem wenn nicht die Kommunikationsabteilung, sondern die Erstsemester snappen. Diesen Weg gehen einige amerikanische Unis, sichtbar an diesen „Snapchat Takeovers“ auf YouTube.

Das ist schon schick: Eine ganze Studienreise oder ein „Freshman-Year“ auf wenige Minuten eingedampft. Bei Facebook wären die Posts in der Timeline verstreut, bei Twitter hätte man ein Storyfy daraus machen müssen. Sascha Förster bringt diesen Vorteil auf den Punkt:

Eine Kommunikationsabteilung sollte solche Snaps nicht produzieren. Das können am besten die, die drinstecken: Studierende, Seminarteilnehmer, Fernlerner oder Schüler, vielleicht auch Dozenten oder Lehrer, wenn sie Spaß daran haben.

Und in der Wissenschaftskommunikation?

Snapchat in der Wissenschaftskommunikation ist ein nahezu unbeackertes Feld. Dabei wäre es relativ einfach, via Snapchat Stories aus dem Labor,  von einer Nacht der Wissenschaft oder aus dem Weltraum zu senden. Hier zum Beispiel snappt Eva Schulz von einem Nachmittag auf der MS Wissenschaft:

Tatsächlich habe ich kaum mehr gefunden. Wenn ihr weitere Beispiele kennt oder findet, freue ich mich über Kommentare.

Drei Ansätze

Wie lässt sich Snapchat in der Kommunikation nutzen?

  • Snapchat-Events („Snap-ups“?)
    Analog zum Tweet-up: Auf Snapchat aktive Studierende oder Schüler zu einer visuell möglichst vielseitigen und interessanten Veranstaltung einladen, so wie die ganz oben gezeigte Roboter-Show der Uni Florida. Vorher die Codes (scanbares Profilbild und Nutzername) der Snapper veröffentlichen, sie kurz vorstellen und den Termin bekanntgeben. Besonders gelungene Snaps können auf YouTube verewigt werden.
  • Snapchat Botschafter
    Erstsemester berichten über ihre ersten Erfahrungen,  Exkursionsteilnehmer von ihrer Reise. Ältere Studis zeigen den Erstis die besten Clubs der Stadt. All das ist nicht neu und hat es auf YouTube und anderen Kanälen schon oft gegeben. Snapchat macht es nur noch einfacher, Stimmungen einzufangen und Eindrücke in einer Story zu bündeln. „Snapchatter gesucht“ – ein Aufruf auf Facebook dürfte schnell ein paar Kandidaten herbeizaubern.
  • Eigener Snapchat-Account
    Sicher ist das die größte Herausforderung für Institutionen, ständig für Snapchat geeignete Inhalte zu liefern und sich eine Gefolgschaft aufzubauen. Das Gute der Kurzlebigkeit der Snaps ist aber: Wer in anderen Medien die notwendige Reichweite besitzt, um Teilnehmer auf Snapchat zu lenken, kann seinen Account auch sporadisch nutzen. Es gibt ja keine Timeline, die Lücken verraten würde! Vielleicht springen die gewonnen „Freunde“ bald wieder ab, wenn länger nichts mehr passiert. Aber vielleicht haben einige dann schon ihre Bewerbung abgeschickt.

Mehr Informationen zu Snapchat

Einstieg

  • Eine sehr gute Einführung mit viel Hintergrundwissen bietet das kostenlose eBook „Snap Me If You Can“ von Philipp Steuer
  • Von Jochen Hencke stammt dieser kompakte Einstieg ins Thema auf PR-Blogger
  • Ein paar lockere FAQs insbesondere zu Videos, Filtern und Chat hat Flodoard Quolke aufgeschrieben.
  • Wer ein paar Snapchatter „Ü30“ kennenlernen will, um das neue Medium auszuprobieren, kann sich dem konspirativen SNAP CLUB von Richard Gutjahr anschließen. Der Journalist ist sehr aktiv auf Snapchat und testet gerade aus, was man mit diesem Tool alles machen kann.
  • Wer im Raum Bonn wohnt und sich für Wissenschaftskommunikation interessiert, kann am 8. März das „Erste Treffen zum Thema Snapchat“ der Bonner Wissenschafts-Onlinekommunikation #bwok besuchen (bitte vorher mit @dnlbyr Kontakt aufnehmen). Den Vortrag dort hält Sascha Förster von Bonn.digital, den ich oben schon zitiert habe.

Nutzerzahlen

Zahlen zum unglaublichen Erfolg von Snapchat liefert Björn Tantau. Über die Verbreitung in Deutschland schreibt Christian Buggisch: „Einer Studie zufolge sind 5,8 Prozent der deutschen Internetnutzer auch Snapchat-Nutzer, das wären dann etwa 3 Millionen Nutzer in Deutschland.“

Snapchat und Recht

Thomas Schwenke erklärt in seinem Beitrag „Snapchat, Marketing & Recht“ praxisnah und verständlich, worauf man bei der Nutzung des Messengers achten sollte – sehr lesenswert. Er zieht ein positives Fazit: „Solange Sie sich bei Snapchat nicht anders verhalten als z.B. bei Facebook (und ich hoffe da beachten Sie Rechte Dritter), bringt Snapchat keine Unterschiede, bzw. sogar Vorteile mit sich.“

Snapchat und Wissenschaft

Hochschulen und wissenschaftliche Einrichtungen beginnen gerade, mit Snapchat zu experimentieren. Auf unserem tumblr-Blog sammeln wir Best Practice Beispiele und stellen interessante Snapper  vor, die sich mit Bildung und Wissenschaft beschäftigen. Jeder kann sich an der Sammlung und eigene Beiträge hochladen. Link: https://snap-science.tumblr.com/

Nachtrag am 2. März 2016: Kurz nach diesem Post schrieb Astronomieblogger Stefan Gotthold (Snapchat Name: clearskyblog) in seinem Clearskyblog über „5 Dinge die Wissenschaftskommunikatoren mit SnapChat machen können.“ Auf Snapchat sehe ich von ihm in letzter Zeit oft den „Astro Fact des Tages“ und erfahre dadurch zum Beispiel, wie kalt und auch wie heiß es auf dem Pluto sein kann.

9 Kommentare

  • […] Passend zu meinem Lebensalter ist Archivalia das Organ für ältliche Liebhaber des Digitalen und arriviert Archivierten. Klar, dass das extrem jugendliche Snapchat – alle Beiträge sind dort extrem vergänglich und werden zeitnah wieder gelöscht – noch nie in Archivalia aufblitzte. Marcus Flatten fragt: Snapchat für Bildung und Wissenschaft? […]
  • 18. Februar 2016 - @h8lms
    Bei Lina Timm wird Snapchat in einem Bericht über einen Besuch im neueröffneten Hansemuseum in Lübeck verwendet.
  • 18. Februar 2016 - Marcus Flatten
    Danke, schönes Einsatzbeispiel! Überhaupt Museen: Die nutzen Snapchat auch, um junge Menschen anzusprechen - allen voran das LACMA in Los Angeles, das schon 2014 damit angefangen hat, http://observer.com/2015/07/which-museum-is-winning-on-social-media/
  • 1. März 2016 - Stefan
    Ein sehr schöner Beitrag. Leider nutzen viel zu wenig Wissenschaftler Snapchat und es gibt keinerlei Listen oder Einträge bei denen man die wenigen Wissenschaftler und Wissenschaftskommunikatoren finden könnte. Ich hoffe das sich das in Zukunft noch etwas entwickelt. Viele Grüße Stefan (Snapchat: clearskyblog)
  • 1. März 2016 - Marcus Flatten
    Ja, mich hat auch überrascht, wie wenig man findet. Vielleicht fange ich einfach mal einen tumblr dazu an. Einen Australier habe ich gefunden: Luke Holtham (SC: Lukeholtham) macht Snap Science Daily, auf Twitter @lukeholtham . Manchmal ganz interessant, aber zum Teil auch lange Monologe.
  • 1. März 2016 - Stefan
    Ja ein Tumbler wäre dafür sicherlich lohnenswert. Ich überlege ja noch was ich mit der Domain scienceplanet.de anstelle. Vielleicht setze ich dort mal einige Social-Media-Liste (FB, Twitter, Snapchat...) auf. Bisher ist es nur meine Seite um mit PHP ein wenig in den API's rumzuspielen. Viele Grüße Stefan P.S. Und danke für die Videoantwort bei Snapchat. Sowas finde ich ja lustig, aber auch ein wenig befremdlich, aber mehr lustig als befremdlich. ;-)
  • 1. März 2016 - Marcus Flatten
    mehr lus­tig als befremdlich
    Snapchat ist einfach nah dran ;-)
  • 29. März 2018 - nanoware media
    Oha, da ist ja deutlich mehr dahinter, als ich es auf den ersten Blick vermutet hätte. Ich hab bis zum ersten Drittel des Beitrags gedacht: Ja, eben, wozu braucht man das. Auch wenn der Artikel schon 2 Jahre auf dem Buckel hat, regt er zum Nachdenken an und wir werden in unseren Marketingstrategien den Kanal doch auch mit eindenken müssen. Snapchat.. Verdammt, wieder einer mehr :-)
  • 3. April 2018 - Marcus Flatten
    Zwei Jahre ... wie die Zeit vergeht! Snapchat ist immer noch da, aber viele damals relativ neue Funktionen wurden von Instagram und anderen kopiert. Alle haben jetzt Story-ähnliche Funktionen, auch Whatsapp, das war damals noch nicht so. Ich glaube immer noch, dass man es bei jungen Zielgruppen mal mit Snapchat versuchen kann. Aber der Hipe ist vorbei.

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