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Unser Gehirn will lernen“: Lernforscher Michael Fritz im Interview

Ler­nen mit Spaß — davon träu­men Schü­ler genau wie Eltern und Leh­rer.  Mit dem Ide­al beschäf­tigt sich eine Stu­die, die unser Kun­de, das Online-Lernportal sco­yo, Anfang Sep­tem­ber zusam­men mit der Kin­der­zeit­schrift leo ver­öf­fent­licht hat. Wir stel­len ein­zel­ne Ergeb­nis­se und eins von ins­ge­samt vier Inter­views vor, die wir für sco­yo dazu mit Exper­ten geführt haben.

sco­yo ist das größ­te Online-Lernportal in Deutsch­land. Über ani­mier­te Geschich­ten kön­nen Kin­der von der ers­ten bis zur sieb­ten Klas­se eigen­stän­dig im wer­be­frei­en Raum Unter­richts­stoff wie­der­ho­len und ver­tie­fen.

Ergeb­nis der Stu­die: Die Begeis­te­rung am Ler­nen schwin­det mit dem Alter

Sowohl die Befra­gung von Erwach­se­nen als auch die von Schü­lern zei­gen: Kin­der ler­nen grund­sätz­lich ger­ne, wenn Kon­text und Moti­va­ti­on stim­men. Mit stei­gen­dem Alter aber schwin­det bei vie­len die Begeis­te­rung. Nur sechs Pro­zent der 13-Jährigen sagen von sich, dass Ler­nen ihnen noch Spaß brin­ge. Schü­ler nann­ten pro­jekt­be­zo­ge­nen wie prak­ti­schen Unter­richt und Ler­nen am Com­pu­ter, wenn es um ihre Vor­stel­lun­gen und Wün­sche zum The­ma Ler­nen in der Schu­le ging.

Als Ergän­zung und zum Abgleich zu den Umfra­gen unter Kin­dern und Eltern haben wir mit Micha­el Fritz gespro­chen. Er ist Lern­for­scher am ZNL Trans­fer­Zen­trum für Neu­ro­wis­sen­schaf­ten und Ler­nen in Ulm.

Michael Fritz

Micha­el Fritz, Lern­for­scher.

Glau­ben Sie, dass der Spaß heut­zu­ta­ge in der Schu­le zu kurz kommt? 

Je älter Schü­ler wer­den, des­to kür­zer kommt der Spaß. Man kann das aber ändern. Es gibt inzwi­schen vie­le Schu­len, die mehr auf das Indi­vi­du­um schau­en. Das sind Schu­len, die stär­ker lern­er­zen­triert arbei­ten. Der Leh­rer befä­higt die Schü­ler, das Ler­nen, das Trai­nie­ren selbst zu über­neh­men. Lehr­kräf­te sind nach die­ser Auf­fas­sung eher Lern­be­glei­ter oder Lern­coach.

Wie wich­tig ist Ihrer Mei­nung nach der Spaß beim Ler­nen?

Als Lern­ex­per­te mit dem Hin­ter­grund der Neu­ro­bio­lo­gie kann ich ganz klar sagen, Spaß ist das Wich­tigs­te, was zum Ler­nen gehört. Ler­nen, das auf Dau­er kei­nen Spaß macht, ist zweck­los! Das Gehirn ist so ange­legt, dass es nichts lie­ber tut, als zu ler­nen. Immer wenn das Gehirn die Erfah­rung macht, etwas ver­stan­den zu haben, fühlt sich der Ler­nen­de gut und bestä­tigt. Das löst Spaß aus. Lern­si­tua­tio­nen soll­ten des­halb so ange­legt sein, dass sie dem Ler­nen­den min­des­tens am Schluss das Gefühl von Erfolg, von Kön­nen und damit von Freu­de und Spaß geben. Das schließt nicht aus, dass zwi­schen der Anfangs­si­tua­ti­on und dem Freu­de­ge­fühl oft eine gan­ze Men­ge Anstren­gung steckt, im Gegen­teil: Nur der selbst über­wun­de­ne Wider­stand lässt einen die eige­nen Kräf­te spü­ren. Des­halb ist es wich­tig, dass der Ler­nen­de schon Vor­freu­de auf das Lern­ziel emp­fin­det, um auch die anstren­gen­den Pha­sen zu über­win­den. Die­se Lust auf das Lern­ziel kann im Übri­gen kei­ne Lehr­kraft machen. Die kann nur beim Ler­nen­den selbst ent­ste­hen. Nur wenn es ein Ziel ist, für das sich der Ler­nen­de frei und auto­nom ent­schie­den hat, kann er die Ver­ant­wor­tung auch in anstren­gen­den Pha­sen nicht abschie­ben oder mit Frus­tra­ti­on und Wider­stand reagie­ren.

Eine Kin­der­um­fra­ge, die wir zu die­sem The­ma durch­ge­führt haben, hat ein ähn­li­ches Bild gezeich­net: Mit sechs Jah­ren geben noch 53 Pro­zent an, dass sie immer Spaß beim Ler­nen haben, bei den 13-Jährigen sagen das nur noch 6,5 Pro­zent. Wor­an liegt es, dass der Spaß mit zuneh­men­dem Alter nach­lässt?

Was die Schü­ler sagen, kön­nen wir mit Stu­di­en bele­gen. Je jün­ger Kin­der sind, des­to häu­fi­ger haben sie Erfolgs­er­leb­nis­se und emp­fin­den ihre Umge­bung als ihnen wohl­ge­son­nen. Das gilt vor allem für den Kin­der­gar­ten und auch noch in den ers­ten Klas­sen der Grund­schu­le. Mit zuneh­men­dem Alter, spä­tes­tens ab Klas­se 5 und 6, erle­ben sich immer mehr Kin­der immer öfter in Situa­tio­nen, in denen ihre Umge­bung ihnen mit­teilt: Du kriegst es nicht hin. Das sorgt mit dafür, dass es auch so ein­tritt. Es demo­ti­viert und frus­triert, macht lust­los und macht vor allem kei­nen Spaß.

Wor­in sehen Sie die Ursa­che dafür?

Ver­ant­wort­lich dafür sind in unse­rem deut­schen Schul­sys­tem drei Fak­to­ren. Ers­tens haben wir immer noch ein selek­ti­ves Schul­sys­tem. Zwei­tens wird spä­tes­tens ab der Sekun­dar­stu­fe immer mehr Wert auf das Durch­brin­gen von Stoff gelegt und immer weni­ger auf den Erfolg des Ein­zel­nen. Noten, so wie sie ver­wen­det wer­den, sind der drit­te Fak­tor: Sie ori­en­tie­ren sich ent­we­der an einer sozia­len Norm (inner­halb die­ser Grup­pe bist du der Schlech­tes­te oder Bes­te) oder an einer abso­lu­ten Norm: Ein Schü­ler der 9. Klas­se, muss das und das so und so gut kön­nen. Sie gehen nicht auf das Leis­tungs­ver­mö­gen, die Aus­gangs­si­tua­ti­on und die Ent­wick­lung des Indi­vi­du­ums ein. Das Gehirn lernt dann, dass sich Anstren­gung nicht lohnt.

Eine Alter­na­ti­ve wäre, wenn Lehr­kräf­te dafür sor­gen, dass Ler­nen­de in mög­lichst vie­len Situa­tio­nen selbst­ge­steck­te Zie­le errei­chen kön­nen. Die Auf­ga­be der Lehr­kräf­te besteht dar­in, die Rah­men­be­din­gun­gen für jeden Ler­nen­den so zu set­zen, dass die Lern­zie­le und damit die Erfolgs­er­leb­nis­se, die zur Freu­de füh­ren, best­mög­lich erreicht wer­den.

Wie kön­nen denn die­se Rah­men­be­din­gun­gen aus­se­hen, damit Schü­le­rin­nen und Schü­ler mehr Spaß emp­fin­den? Wir haben Eltern und Kin­der befragt, was ihre Erfah­rung ist. Ergeb­nis: com­pu­ter­ge­stütz­te, prak­ti­sche und pro­jekt­be­zo­ge­ne Auf­ga­ben. Kön­nen Sie die­se Ein­schät­zung bestä­ti­gen?

Alles was pro­jekt­ar­tig, hand­lungs­ori­en­tiert und an einem kon­kre­ten Pro­dukt ori­en­tiert ist, hat mehr Poten­zi­al auf Spaß, Freu­de und Erfolg, als das, was nur ein­di­men­sio­nal über das nur Hören und nur Sehen statt­fin­det. Alles, was ich mir mehr­ka­na­lig, das heißt mit allen Sin­nen, mit dem gan­zen Kör­per, eben mit Kopf, Herz und Hand erar­bei­te, wo ich meh­re­re Regio­nen mei­nes Gehirns nut­ze, sorgt für eine inten­si­ve­re Ver­ar­bei­tung, sorgt für mehr Invol­viert­heit, für grö­ße­ren Lern­er­folg und damit für mehr Spaß.

Dass Kin­der den­noch auch am Com­pu­ter Spaß erle­ben, liegt dar­an, dass die­ses Medi­um in einem Punkt sehr gut ist: Es lässt sich auf den Ler­nen­den ein. Der Ler­nen­de ent­schei­det selbst, auf wel­chem Level er sich die nächs­te Her­aus­for­de­rung holt. Wer am Com­pu­ter arbei­tet, kann sich außer­dem immer wie­der Unter­stüt­zungs­mög­lich­kei­ten, das Hil­fe­sys­tem, den Sitz­nach­barn, die Leh­re­rin oder sonst jeman­den suchen, um die selbst gesteck­ten Zie­le zu errei­chen. Und der Com­pu­ter ist klas­se dar­in, dem Ler­nen­den ein direk­tes Feed­back zu geben über das, was er gut kann. Erwach­se­nen und Jugend­li­chen kön­nen Com­pu­ter­pro­gram­me dar­um ab und zu eine gute zusätz­li­che Lern­un­ter­stüt­zung bie­ten. Bei Kin­dern in der Grund­schu­le aber kann der Com­pu­ter den Metho­den­mix im Unter­richt zwar ergän­zen, den guten Erzie­her und die gute Leh­re­rin aber auf kei­nen Fall erset­zen.

Das Inter­view führ­te Julia Valt­wies von Mann beißt Hund.

 

2 Kommentare

  • […] Lernforscher Michael Fritz, den wir zu dieser Frage in unserem Blog an anderer Stelle  bereits interviewt haben, nennt drei wichtige Punkte als Voraussetzung, damit Kinder engagiert […]
  • […] Lern­for­scher Michael Fritz, den wir zu die­ser Frage in unse­rem Blog an ande­rer Stelle  bereits inter­viewt haben, nennt drei wich­tige Punkte als Vor­aus­set­zung, damit Kin­der […]

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