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Mit Kindern über Missbrauch reden

Wie spricht man mit Kindern über ein Thema, für das selbst uns Erwachsenen oft die Worte fehlen? Wie findet man die richtigen Begriffe, den passenden Ton, um Mädchen und Jungen das zu beschreiben, was man mit aller Macht von ihnen fernhalten möchte? Wie stärkt man sie in ihrem Selbstbewusstsein, ohne sie dabei zu verunsichern?

Seit Ende 2012 unterstützen wir die Kommunikation der bundesweiten Initiative „Trau dich!“, die sich genau diesen Fragen gestellt hat. Sie richtet sich direkt an acht- bis zwölfjährige Mädchen und Jungen, um sie im Bewusstsein ihrer Rechte zu stärken und sie vor sexuellem Missbrauch zu schützen. Initiiert hat „Trau dich!“ das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ), für die Umsetzung ist die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) verantwortlich. Bei diesem sensiblen Thema ist es natürlich besonders wichtig, kindgerecht zu kommunizieren. Es lohnt sich, die Angebote  der Initiative genauer anzusehen, wenn man sich dafür interessiert, wie man Kinder erreichen kann.

Interaktives Theaterstück für die Kommunikation mit Kindern

Herzstück der Initiative „Trau dich!“ ist eine interaktive Theateraufführung für Kinder, das die deutsch-schweizerische Theatergruppe „Kompanie Kopfstand“ im Auftrag von BMFSFJ und BZgA entwickelt hat und aufführt. „Trau dich!“, so auch der Name des Stücks, handelt von Gefühlen, Grenzen und Vertrauen. In verschiedenen Szenen geht es um gute und unangenehme Erfahrungen, die Kinder mit körperlicher Nähe sammeln. Dabei zeigt das Stück die Neugier der Mädchen und Jungen genauso wie Grenzüberschreitungen von Erwachsenen, die von den Kindern sichtbar als Übergriff erlebt werden. In zwei Szenen geht es ganz konkret um sexuellen Missbrauch. Ohne tabuisierende Umschreibungen, mit klarer Nennung der Geschlechtsorgane, beschreiben die Schauspieler mit Worten ihre Erlebnisse und machen so deutlich, was sexueller Missbrauch ist.

Fesselnde Aufführung auf Tournee

Seit März 2013 tourt die Kompanie Kopfstand im Auftrag von BMFSFJ und BZgA mit „Trau dich!“ durch die Bundesländer, die mit der Initiative kooperieren. Mittlerweile sind das Schleswig-Holstein, Sachsen, Baden-Württemberg und Hessen. Wir betreuen die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit für die Initiative und für die Auftaktveranstaltungen in den kooperierenden Bundesländern. Dabei organisieren wir unter anderem jeweils eine Pressekonferenz und eine Talkrunde vor dem Stück. So habe ich „Trau dich!“ inzwischen fünf Mal gesehen. Immer wieder war ich von der ersten bis zur letzten Minute gefesselt, und zwar vom Geschehen auf der Bühne genauso wie von den Reaktionen der Schülerinnen und Schüler im Zuschauerraum. Die Kinder waren während der gesamten knapp einstündigen Aufführung hoch aufmerksam. Mehrmals berichteten Lehrerinnen und Lehrer, dass sie ihre Schüler nur selten über einen längeren Zeitraum so konzentriert bei der Sache erleben.

Das Stück liefert Kindern gleich mehrere Identifikationsangebote durch vier verschiedene Geschichten, die in kurzen Szenen nicht-linear erzählt werden. Es zeigt Erlebnisse aus dem Alltag von Schülern und nutzt multimediale Elemente wie Videoaufnahmen mit Kindern, um die Aufmerksamkeit auf einem hohen Level zu halten. In den Videoaufnahmen schlüpfen Kinder in die Rolle des kommentierenden Chors aus der griechischen Tragödie – der pädagogische Zeigefinger bleibt außen vor. Eine wichtige Funktion im Sinne der befreienden Wirkung übernimmt die Musik, die insbesondere nach der Darstellung des sexuellen Missbrauchs verhindert, dass das durchaus bedrückende Geschehen die jungen Zuschauer überfordert.

Kinder als aktive Rezipienten

Die Kinder werden von Anfang an als aktive Zuschauer in das Stück einbezogen. Schon bei der Entstehung des Stücks hatte die Kompanie Kopfstand eng mit Schülerinnen und Schülern zusammen gearbeitet. Die Schauspieler fragen die jungen Gäste vor Beginn jeder Aufführung nach ihrem aktuellen Gefühlszustand und bauen die Antworten in das Stück ein. Wenn es darum geht, wie man der Oma klarmachen kann – ohne sie zu verletzen –, dass ihre Schlabberküsse und Kosenamen unerträglich sind, holen sich die Schauspieler Ratschläge direkt aus dem Publikum. Dabei fallen die Antworten abhängig vom Alter der Schülerinnen und Schüler sehr unterschiedlich aus. Ältere empfehlen zum Beispiel, ihr eine Nachricht über „WhatsApp“ zu schicken.

„Trau dich!“ kommt auch bei Erwachsenen an

Die Reaktionen auf das Stück sind überwältigend. Nicht nur bei den Kindern kommt es an: Von der Presse wird es ausnahmslos gelobt, die Fachleute in den jeweiligen Bundesländern schätzen „Trau dich!“ als wirksames Instrument der Prävention.

Das ARD-Mittagsmagazin zur Premiere in Berlin, 1.3.2013

Beitrag in der taz, 1.3.2013, von Christian Füller

Rezension von Christian Füller, taz, zur Premiere am 1.3.2013 in Berlin 

Begleitforschung attestiert Erfolg der Initiative

„Trau dich!“ ist erfolgreich in der Prävention des sexuellen Kindesmissbrauchs. Das zeigen die ersten Ergebnisse der Begleitforschung, die unter anderem nachweisen, dass die Kinder sich noch sechs Monate nach dem Stück sehr gut an die zentralen Botschaften erinnern können. Die kooperierende „Nummer gegen Kummer“ verzeichnet einen Anstieg von etwa 50 Prozent. Dazu trägt sicher auch bei, dass es umfangreiches Begleitmaterial und Veranstaltungen für Lehrer und Eltern gibt. Die Lehrer bereiten den Besuch des Theaterstücks im Unterricht vor und nach und erhalten dafür umfangreiches Material und Hilfestellungen. Eltern können sich bei Abendveranstaltungen informieren.

Theater zeigt Regeln für die Kommunikation mit Kindern

Das Theater ist als Medium für dieses schwierige und ambivalente Thema besonders geeignet. Es holt die Kinder bei ihren eigenen Gefühlen ab. Es macht die Scham, die Last und die Einsamkeit des sexuellen Missbrauchs in kurzen Szenen erlebbar – aber es belässt die Kinder nicht in diesem Erleben. Auch als Erwachsener spürt man die große Erleichterung, wenn nach der beklemmenden Szene des Missbrauchs die Schauspieler ganz offensichtlich ihre Rollen wechseln und mit heiterer Musik eine andere Geschichte wieder aufgegriffen wird.

Es sind ganz grundsätzliche Regeln, die bei „Trau dich!“ dazu beitragen, dass die Kinder in das schwierige Thema sexueller Missbrauch einsteigen und die Botschaften aufnehmen können. Insofern ist diese Aufführung zugleich ein Lehrstück für alle, die sich damit auseinandersetzen, wie man alters- und entwicklungsgerecht mit Kindern kommuniziert. Auf den Punkt gebracht sind das ein paar ganz einfache Regeln, die übrigens nicht nur bei jungen Menschen gut funktionieren:

  1. auf Augenhöhe gehen, Kinder ernst nehmen
  2. interagieren statt präsentieren
  3. Identifikationsangebote: Kinder in ihrer Welt abholen
  4. klare Sprache: Dinge beim Namen nennen
  5. Kindern lernen von Kindern: peer-to-peer-Kommunikation
  6. Botschaften in Geschichten verpacken
  7. serielle Kommunikation – das Thema in verschiedenen Situationen aufgreifen
  8. Abwechslung schaffen, verschiedene Sinne ansprechen
  9. multimedial erzählen
  10. den Spaß nicht vergessen

Auf der Website für Multiplikatoren finden Eltern, Lehrer und Fachkräfte weitere Informationen zum Stück. Für Kinder gibt es einen kindgerechten Internetauftritt mit Informationen rund um Gefühle, Kinderrechte und Missbrauch.

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