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Du bleibst was du bist“: Marco Maurer über Chancengerechtigkeit

Der Jour­na­list Mar­co Mau­rer hat mit „Du bleibst was du bist“ ein lesens­wer­tes Buch über Chan­cen­un­gleich­heit im Bil­dungs­sys­tem geschrie­ben. Die vie­len Leser­brie­fe und Rück­mel­dun­gen auf sein ZEIT-Dossier „Ich Arbei­ter­kind“, in dem er Anfang 2013 von sei­nen per­sön­li­chen Erfah­run­gen berich­tet hat­te, haben ihn moti­viert, das The­ma aus­führ­li­cher zu recher­chie­ren.

Mau­rer ist Sohn eines Schorn­stein­fe­gers und einer Fri­seu­rin. Sein Abitur hat er über den Zwei­ten Bil­dungs­weg an einem Kol­leg erwor­ben. Er arbei­tet heu­te als frei­er Jour­na­list unter ande­rem für DIE ZEIT, Süd­deut­sche Zei­tung und den Baye­ri­schen Rund­funk.

Chancengerechtigkeit – Bildungsthema in unserer Agentur

Das The­ma Chan­cen­ge­rech­tig­keit beschäf­tigt uns in der Agen­tur seit vie­len Jah­ren, unter ande­rem wenn es um die Kom­mu­ni­ka­ti­on von För­der­pro­jek­ten geht. Allein die Tat­sa­che, dass es so vie­le die­ser Pro­jek­te gibt, zeigt, wie aktu­ell das Buch Mau­rer ist. So haben wir das Pro­jekt „grips gewinnt“ von der Joachim-Herz-Stiftung und der Robert Bosch Stif­tung mit auf den Weg gebracht. Das Sti­pen­di­um unter­stützt begab­te und moti­vier­te Schü­le­rin­nen und Schü­ler, die finan­zi­el­le, sozia­le oder kul­tu­rel­le Hür­den zu über­win­den haben. Unser Kun­de Deut­sche Uni­ver­si­tät für Wei­ter­bil­dung forscht gera­de an dem bun­des­wei­ten Pro­jekt „Auf­stieg durch Bil­dung: offe­ne Hoch­schu­len“, das die Durch­läs­sig­keit zwi­schen beruf­li­cher Bil­dung und Hoch­schu­le ver­bes­sern soll. Und für die Pres­se­ar­beit zum Deut­schen Stu­di­en­preis der Körber-Stiftung haben wir uns mit den For­schungs­er­geb­nis­sen des Preis­trä­gers Ala­din El Mafaa­la­ni beschäf­tigt. Der Sozio­lo­ge hat unter­sucht, womit Bil­dungs­auf­stei­ger zu kämp­fen haben. So bedeu­tet Auf­stieg in ein ande­res Milieu für vie­le, sich von Eltern und Freun­den zu ent­fer­nen, wenn nicht gar mit ihnen zu bre­chen. Auch Mau­rer hat für sein Buch mit Mafaa­la­ni gespro­chen.

Eine Reise durch Deutschland voller Begegnungen

Neben den Gesprä­chen mit Exper­ten berich­tet Mau­rer von sei­nen Begeg­nun­gen mit erfolg­rei­chen Men­schen, denen der Auf­stieg aus „ein­fa­chen“ Ver­hält­nis­sen gelun­gen ist. Er hat u. a. die Poli­ti­ker Czem Özde­mir und Frank Wal­ter Stein­mei­er getrof­fen, Bahn­chef Rüdi­ger Gru­be und den Kul­tur­wis­sen­schaft­ler und Lei­ter des Vic­to­ria and Albert Muse­ums, Mar­tin Roth. In einem klei­nen Online-Dossier als Spin-Off zu sei­nem Buch fasst Mau­rer die­se Gesprä­che in kur­zen Por­träts zusam­men. Er hat außer­dem Men­schen befragt, die Schü­le­rin­nen und Schü­lern aus bil­dungs­fer­nen Schich­ten hel­fen, ihre Inter­es­sen und Talen­te zu ent­de­cken. Alle Erkennt­nis­se aus die­sen Gesprä­chen setzt er immer wie­der in Bezug zu sei­nen per­sön­li­chen Erfah­run­gen, die er reflek­tiert und sehr offen schil­dert. Was aller­dings fehlt, sind die Stim­men derer, die es nicht geschafft haben, die den Auf­stieg ver­passt haben. Sie hät­ten viel­leicht über die Hür­den gespro­chen, die bist heu­te nicht zu über­win­den sind.

Vergleich mit anderen Ländern

Neben ver­glei­chen­den kur­zen Bli­cken über den Tel­ler­rand in die Schweiz, wo er stu­diert hat, berich­tet Mau­rer aus­führ­lich über sei­nen Aus­flug nach Finn­land. Das Land gilt als Mek­ka für alle, die nach inno­va­ti­ven Bil­dungs­kon­zep­ten Aus­schau hal­ten.

Mau­rers Fra­ge, die sich wie ein roter Faden durch Buch und Inter­views zieht: Leben wir einem gerech­ten Land? Alle Ansprech­part­ner – mehr oder weni­ger rela­ti­vie­rend – ver­nei­nen dies. Mau­rer erhält von sei­nen Gesprächs­part­nern Zuspruch für sei­ne The­sen:

  • Die Auf­stiegs­mög­lich­kei­ten für Men­schen aus nicht-akademischen Schich­ten haben sich gegen­über den 70er Jah­ren ver­schlech­tert.
  • Wenn Auf­stei­ger aus nicht-akademischen Fami­li­en den Weg durch das deut­sche Bil­dungs­sys­tem bewäl­ti­gen und sie Kar­rie­re machen, so schaf­fen sie das oft­mals nur unter immensen Anstren­gun­gen.
  • Aus eige­nen Kräf­ten gelingt Kin­dern aus bil­dungs­fer­nen Milieus der Auf­stieg kaum – sie brau­chen Hil­fe von Men­schen, die sie unter­stüt­zen.
  • Selbst wenn der Auf­stieg gelun­gen ist, bleibt ein Gefühl der Aus­ge­schlos­sen­heit und Ver­un­si­che­rung. Es feh­len die Rück­halt geben­den Netz­wer­ke und oft­mals finan­zi­el­le Unter­stüt­zung.
  • Die Viel­falt der sozia­len Milieus unse­rer Gesell­schaft bil­det sich weder in den Schu­len noch in den Hoch­schu­len oder spä­ter in aka­de­mi­schen Beru­fen ab. Umge­kehrt fin­det sich in hand­werk­li­chen Beru­fen kaum Nach­wuchs aus aka­de­mi­schen Fami­li­en.
  • Unser Schul­sys­tem ist trotz eini­ger Refor­men immer noch zu stark auf Segre­ga­ti­on aus­ge­rich­tet.

Persönliche Erfahrungen eingeflochten in Fakten

Mau­rer greift aktu­el­le und drän­gen­de Fra­gen zur Chan­cen­ge­rech­tig­keit auf und sucht nach Lösun­gen. „Du bleibst was du bist“ ist aber nicht nur wegen sei­ner inhalt­li­chen Rele­vanz emp­feh­lens­wert, son­dern auch als Vor­bild für ein infor­ma­ti­ves und zugleich span­nen­des Sach­buch. Mau­rer unter­malt Zah­len, Daten und Fak­ten, die er recher­chiert, mit sei­nen per­sön­li­chen Erfah­run­gen, Kom­men­ta­ren und den detail­lier­ten Schil­de­run­gen sei­ner Begeg­nun­gen mit ver­schie­de­nen Gesprächs­part­nern. Er bezieht Lese­rin­nen und Leser in sei­nen Erkennt­nis­pro­zess ein und berich­tet kon­se­quent aus der Ich-Perspektive. Damit hebt er sich ange­nehm ab vom Exper­ten­tum und der All­wis­sen­heit der Auto­ren vie­ler ande­rer Sach­bü­cher. Das ist nicht nur lesens­wert, son­dern auch ein Erkennt­nis­ge­winn, weil Zah­len eben immer nur ein Teil der Geschich­te sind.

Stimmungen und Details erzählen mehr

Wenn er von den Gesprä­chen etwa mit Özde­mir und Stein­mei­er berich­tet, gelingt es ihm, die Stim­mun­gen und Details des Set­tings der Inter­views kon­kret ein­zu­fan­gen. So lässt sich das Unbe­ha­gen, das die Fra­gen Mau­rers bei den bei­den auch aus­zu­lö­sen schei­nen, beim Lesen fast nach­spü­ren. Offen­bar ist die eige­ne Ver­gan­gen­heit als Arbei­ter­kind nichts, wor­über sich ent­spannt plau­dern lässt. Özde­mir selbst lässt den Grund für die­ses Unbe­ha­gen erah­nen, wenn auch er von einem „har­ten Bruch“ zwi­schen „mei­nem frü­he­ren und mei­nem heu­ti­gen Leben“ spricht. Und immer­hin geste­hen bei­de Poli­ti­ker ein, dass unse­re Gesell­schaft von der Umset­zung eines chan­cen­ge­rech­ten Bil­dungs­sys­tems noch immer ent­fernt sei – eine Gesell­schaft, die sie selbst als Men­schen an der Macht doch mit­ge­stal­ten.

Unsicherheit hinter der Souveränität

Offen­bar ist Mau­rer ein Jour­na­list, dem man sich anver­traut.

Aber die Ängs­te zu ver­sa­gen, blie­ben trotz­dem immer extrem groß. Manch­mal hat­te ich auch den Ein­druck, dass ich es nicht wirk­lich ver­dient habe.“

Das gesteht der gestan­de­ne Kul­tur­wis­sen­schaft­ler Mar­tin Roth. In Sät­zen wie die­sen zeigt sich, wie nach­hal­tig die Her­kunft Men­schen prägt und wie wenig selbst­ver­ständ­lich der beruf­li­che Erfolg für die­je­ni­gen ist, die sich dafür in ein ande­res Milieu hoch­ge­ar­bei­tet haben. Für Außen­ste­hen­de ist die­se Unsi­cher­heit kaum noch wahr­nehm­bar – das wird deut­lich, wenn Mau­rer die Umge­bung der Poli­ti­ker und Mana­ger beschreibt und wie sou­ve­rän die ehe­ma­li­gen Arbei­ter­kin­der sich dar­in bewe­gen.

Erfolgreiche PR zum Buch

Nicht nur die Lek­tü­re lohnt, auch die Kom­mu­ni­ka­ti­on rund um das Buch soll­te man sich als Bei­spiel für gelun­ge­ne Buch-PR genau­er anse­hen: Neben dem ZEIT-Online-Dossier mit den Por­träts hat Mau­rer eine eige­ne Web­site zum Buch ein­ge­rich­tet, auf Face­book ist er mit einer Sei­te ver­tre­ten.

Maurer_Website

Schon Mona­te bevor „Du bleibst was du bist“ erschien, twit­ter­te der Jour­na­list mit Namen und Ava­tar des ver­stor­be­nen Päd­ago­gen Georg Picht als @georgpicht. Der hat­te schon in den 60er Jah­ren die Bil­dungs­ka­ta­stro­phe pro­gnos­ti­ziert. Mau­rer zitiert ihn in sei­nem Buch mehr­fach als hoch aktu­ell.

Picht_Twitter

Twit­ter Account Georg Picht (ali­as Mar­co Mau­rer)

Die Medi­en­re­so­nanz kann sich schon nach den ers­ten Wochen nach dem Erschei­nungs­ter­min sehen las­sen. Fast alle Rezen­sen­ten sehen in dem Buch einen wich­ti­gen Bei­trag und Anstoß, um über Chan­cen­ge­rech­tig­keit in unse­rer Gesell­schaft zu dis­ku­tie­ren, u. a. Alex Rüh­le und Han­na Beit­zer, bei­de in der Süd­deut­schen Zei­tung. Auch eine kri­ti­sche Reak­ti­on des Bil­dungs­jour­na­lis­ten Chris­ti­an Fül­ler ist im „Freitag“zu lesen. Das Buch hat eine Dis­kus­si­on aus­ge­löst.

Mau­rer ist offen­bar gut ver­netzt, aber er hat eben auch eine Mis­si­on. Die erscheint nicht nur authen­tisch, sie ist auch drän­gend. Denn trotz zahl­rei­cher Refor­men, Öff­nung der Hoch­schu­len für eine brei­te­re Schicht von Stu­die­ren­den, trotz ver­schie­de­ner Pro­gram­me für den „Auf­stieg durch Bil­dung“ ist der Bil­dungs­er­folg bis heu­te in unse­rer Gesell­schaft noch immer zu stark mit dem sozia­len Sta­tus ver­knüpft. Zu dem Schluss kom­men Stu­di­en wie der „Chan­cen­spie­gel 2014“ der Bertelsmann-Stiftung:

Der Zusam­men­hang von Leis­tung und sozia­ler Her­kunft ist seit Jah­ren aus ver­schie­de­nen Stu­di­en bekannt. Auch in den dies­jäh­ri­gen Ana­ly­sen des Chan­cen­spie­gels zeigt sich die­ser Zusam­men­hang unver­än­dert: So haben Neunt­kläss­ler bes­se­rer sozia­ler Her­kunft bun­des­weit einen durch­schnitt­li­chen Kom­pe­tenz­vor­sprung von 82 Punk­ten – das ent­spricht dem Wis­sens­stand von etwa zwei Schul­jah­ren.“PDF, Sei­te 30.

Lesen Sie auch unser Inter­view mit Mar­co Mau­rer zu sei­nem Buch.

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