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Buchrezension: Generation Social Media

Phil­ip­pe Wampf­lers Buch „Gene­ra­ti­on ‚Soci­al Media’ – Wie digi­ta­le Kom­mu­ni­ka­ti­on Leben, Bezie­hun­gen und Ler­nen Jugend­li­cher ver­än­dert“, habe ich zunächst aus pri­va­tem Inter­es­se gele­sen. Der Autor arbei­tet als Leh­rer in der Schweiz. Als Kul­tur­wis­sen­schaft­ler publi­ziert und bloggt er zu The­men rund um Soci­al Media. Was mich am Buch gereizt hat, ist der Ein­blick in den All­tag von Jugend­li­chen:

Immer wie­der beob­ach­te ich in Dis­kus­sio­nen, Medi­en­be­rich­ten und auch bei mir selbst, wie schnell wir Erwach­se­nen dabei sind, unse­re eigenCover_Generation_Socia_Mediaen Urtei­le, Erfah­run­gen und auch Ängs­te eins zu eins auf die Medi­en­nut­zung jun­ger Men­schen zu über­tra­gen. Und damit schnell auch mal schief lie­gen.

Das Leben der Jugendlichen: digital und anders

Es zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch von Phil­ip­pe Wampf­ler: Wir kom­men nicht wei­ter, wenn wir mit unse­ren (Vor-)Urteilen, Wert­maß­stä­ben und unse­rem erwach­se­nen Erfah­rungs­ho­ri­zont ver­ste­hen wol­len und bewer­ten, wie Jugend­li­che Soci­al Media nut­zen. Unter ande­rem, weil es einen wesent­li­chen Unter­schied gibt zwi­schen denen, die ana­log sozia­li­siert wur­den, und denen, die „nie gelernt haben, ohne das Inter­net zu leben“ (Zitat von Rie­ke, 2014, S. 22). Jugend­li­che heu­te unter­schei­den nicht mehr zwi­schen dem „ech­ten“ und dem „vir­tu­el­len“ Leben. Aber auch, weil sie sozia­le Medi­en anders nut­zen, als wir das gewohnt sind. Und manch­mal auch anders, als es sich die Macher von Face­book, Whats­App & Co. viel­leicht gedacht haben bzw. wün­schen. So berich­ten die Medi­en­wis­sen­schaft­le­rin­nen Dana Boyd und Ali­ce Mar­wick (2011), die Wampf­ler zitiert, von einer Jugend­li­chen, die ihr Facebook-Konto jedes Mal deak­ti­vier­te, nach­dem sie es benutzt hat­te, was sie vor­ran­gig nachts tat, wenn sie davon aus­ge­hen konn­te, dass Erwach­se­ne weni­ger oft auf ihr Pro­fil sto­ßen wür­den. Ihre gesam­te Facebook-Kommunikation war damit nur in den Zei­ten sicht­bar, in denen sie auf Face­book aktiv war.

Folgen der Digitalisierung nicht komplett absehbar

Auch wenn Wampf­ler Jugend­li­chen durch­aus Tech­ni­ken zutraut, die wir noch gar nicht ent­deckt haben, um etwa Pro­ble­me des Daten­schut­zes zu umge­hen, so zeich­net er kei­nes­wegs ein beschö­ni­gen­des Bild der Aus­wir­kun­gen sozia­ler Medi­en auf das Leben von Jugend­li­chen. Das Buch ist in einem ange­nehm „nüch­ter­nen“ Stil ver­fasst und von dem, was mir bekannt ist, eine der eher sel­te­ne­ren Ver­öf­fent­li­chun­gen, in denen der Autor es aus­hält zu sagen: Wir wis­sen noch nicht, wel­che Fol­gen die Digi­ta­li­sie­rung haben wer­den. Wir kön­nen Ver­mu­tun­gen anstel­len, bele­gen lässt sich vie­les aber nicht. Die Ver­än­de­run­gen pas­sie­ren schnel­ler, als Stu­di­en hin­ter­her kom­men kön­nen. Wer heu­te ein Buch schreibt, kann mor­gen schon eine Ergän­zung, Kor­rek­tur oder auch Erwei­te­rung hin­ter­her­schie­ben. Was Phil­ip­pe Wampf­ler in sei­nem Blog „Schu­le und Soci­al Media“ regel­mä­ßig lie­fert, wes­halb es sich lohnt, ihm zu fol­gen. Es prägt die Beschrei­bun­gen von Wampf­ler, dass er als Leh­rer sehr nah dran ist an den Jugend­li­chen, über die er berich­tet. Was er zu den Berei­chen Gesund­heit, Bezie­hun­gen, Geschlech­ter­rol­len, Iden­ti­täts­su­che und Ler­nen schreibt, ist aber vor allem auch des­halb sehr berei­chernd, weil er Stu­di­en und Unter­su­chun­gen ein­be­zieht, so weit sie denn vor­lie­gen.

Schattenseiten von Social Media

Phil­ip­pe Wampf­ler ent­deckt in Soci­al Media kla­re Poten­zia­le für die Ent­wick­lung von Jugend­li­chen, und hier fin­de ich  das Kapi­tel, in dem es um den Bereich Ler­nen geht, inter­es­sant. Er ver­weist aber auch auf die Gefah­ren: So sind zum Bei­spiel die Dimen­sio­nen des Cyber­mob­bing ganz ande­re, wenn es sich in sozia­len Netz­wer­ken abspielt, wo die Ver­brei­tung viel schnel­ler geschieht und wei­te­re Krei­se ent­ste­hen. Mob­bing hat es auch ohne sozia­le Medi­en schon gege­ben, und das Inter­net ist somit nicht „schuld“ dar­an. Trotz­dem muss man sich und den Jugend­li­chen klar machen, dass die Aus­wir­kun­gen heu­te ande­re sein kön­nen. Ein wei­te­res Bei­spiel für Schat­ten­sei­ten, die Wampf­ler benennt, ist die über­höh­te „Angst, etwas zu ver­pas­sen“ (Fear of Mis­sing Out = FOMO). Die­se Angst ent­ste­he aus einem unbe­frie­di­gen­dem Sozi­al­le­ben und wer­de durch die Nut­zung von Soci­al Media nur noch ver­stärkt. „Fomo“, zitiert Wampf­ler die Exper­tin für digi­ta­le Kom­mu­ni­ka­ti­on Priya Par­ker, „sei ein Gefühl, unter dem alle lei­den, obwohl nie­mand es zugibt. Des­halb ist es wich­tig, sol­che nega­ti­ven Aus­wir­kun­gen digi­ta­ler Kom­mu­ni­ka­ti­on zu benen­nen und dar­über nach­zu­den­ken, wie sie abge­schwächt wer­den könn­ten.“
(S. 113)

Auch für Erwachsene: Reflexion der eigenen Mediennutzung

Meh­re­re Stel­len im Buch haben mich moti­viert, mei­nen eige­nen Umgang mit sozia­len Netz­wer­ken und digi­ta­len Medi­en kri­tisch zu reflek­tie­ren, umso mehr, weil ich Kin­der habe, die sich (auch) an mir ori­en­tie­ren wer­den. Es sind ja zum Teil sehr grund­sätz­li­che Ver­än­de­run­gen, die mit der stei­gen­den Nut­zung digi­ta­ler Medi­en ein­her­ge­hen, und die betref­fen uns alle, ganz unab­hän­gig vom Alter. Die Smartphone-Etikette zum Bei­spiel, die Phil­ip­pe Wampf­ler im Anhang des Buches neben ande­ren Mate­ria­li­en zur Ver­fü­gung stellt, kann man auch eini­gen Erwach­se­nen in die Hand drü­cken, ich habe dazu schon an ande­rer Stel­le geschrie­ben. Es ist die­ses Buch also allen zu emp­feh­len, die einen Weg suchen, Soci­al Media gewinn­brin­gend zu nut­zen.

Wie können Erwachsene Jugendliche begleiten?

Was für mich am Ende offen bleibt, und ich bin gar nicht sicher, ob es dar­auf eine Ant­wort gibt: Wie gehen wir mit dem Wider­spruch um, dass wir als Eltern Jugend­li­che bei einer „kom­pe­ten­ten Nut­zung und wir­kungs­vol­len Prä­ven­ti­on“ (Klad­den­text) beglei­ten sol­len, gleich­zei­tig aber ab einem bestimm­ten Alter sozia­le Medi­en zu einem Rück­zugs­ort vor den Eltern wer­den? Wie kann ich wirk­lich nach­voll­zie­hen, wie Jugend­li­che Medi­en nut­zen, wenn doch der Reiz dar­in besteht, dass ich kei­nen Zugang dazu habe? Für mich war eine ers­te Lösung, die­ses Buch zu lesen, und sicher besteht die Her­aus­for­de­rung ein­fach dar­in, auf dem Lau­fen­den zu blei­ben und mög­lichst unver­stellt hin­zu­se­hen. Aber einen Schritt wei­ter gedacht: Wenn doch nega­ti­ve Aus­wir­kun­gen in eini­gen Berei­chen offen­sicht­lich sind: Wer ist dafür ver­ant­wort­lich, Kin­der und Jugend­li­che davor zu schüt­zen? Schaut man sich um, so ist es aktu­ell fast eher ein Glücks­fall, wenn Kin­der in ihrer Medi­en­so­zia­li­sa­ti­on kom­pe­tent beglei­tet wer­den. In der Schu­le sind vie­le Leh­rer mit dem The­ma über­las­tet, in den Lehr­plä­nen kommt es noch nicht hin­rei­chend vor. Es hängt noch zu oft vom Enga­ge­ment und dem Know-how ein­zel­ner Leh­re­rin­nen und Leh­rer ab, wel­che Rol­le Medi­en­er­zie­hung in der Schu­le spielt. Auch vie­le Eltern sind über­for­dert: Ihnen feh­len die Zeit, das Wis­sen und auch die Bereit­schaft, sich mit den Neu­en Medi­en so inten­siv aus­ein­an­der­zu­set­zen, wie es not­wen­dig wäre, um ihren Kin­dern wirk­lich ein Vor­bild und eine Ansprech­part­ne­rin zu sein. Das fängt mit der Medi­en­nut­zung an und hört mit dem The­ma Sicher­heit sicher noch nicht auf. Es bleibt die ungu­te Ahnung, dass hier die Kin­der die schlech­tes­ten Chan­cen haben, die per se mit schlech­te­rer Aus­stat­tung ins Leben gehen.

Interviews zum Buch

In einem Inter­view, in denen ein­zel­ne The­men die­ses Buches ange­ris­sen wer­den, geht Phil­ip­pe Wampf­ler dar­auf ein. Gefragt, ob jun­ge Män­ner die Ver­lie­rer der sozia­len Medi­en sein, ant­wor­tet er, dass dies vor allem auf bil­dungs­fer­ne jun­ge Män­ner zutref­fe. Das Inter­view hat­te mich dazu gebracht, das Buch zu lesen, auch oder gera­de weil es ein­zel­ne Aus­sa­gen ent­hält, die mei­nen Wider­spruch geweckt haben. Es kann sich also loh­nen, damit ein­zu­stei­gen.

Aus der pri­va­ten Lek­tü­re hat sich dann noch ein beruf­li­cher Bezug erge­ben: Phil­ip­pe Wampf­ler hat an einem vir­tu­el­len Eltern­abend teil­ge­nom­men, den wir von Mann beißt Hund für unse­ren Kun­den sco­yo als Google-Hangout orga­ni­siert haben. Für das Online-Magazin „Eltern!“ von sco­yo hat Phil­ip­pe Wampf­ler außer­dem ein wei­te­res Inter­view gege­ben.

Phil­ip­pe Wampf­ler: Gene­ra­ti­on »Soci­al Media«. Wie digi­ta­le Kom­mu­ni­ka­ti­on Leben, Bezie­hun­gen und Ler­nen Jugend­li­cher ver­än­dert, 1. Auf­la­ge 2014, 160 Sei­ten, Van­den­hoeck & Ruprecht, ISBN 978–3-647–70168-4, auch als E-Book erhält­lich.

Auf der Sei­te des Ver­lags kann man eine Lese­pro­be und das Inhalts­ver­zeich­nis ein­se­hen.

Die­ser Bei­trag ist ori­gi­nal im Blog inklad­de von Nico­la Wes­sing­ha­ge erschie­nen und  leicht gekürzt über­nom­men wor­den.

 

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