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Schreiben fürs Netz: vor allem verständlich

Beim letz­ten Stamm­tisch Wis­sen­schafts­kom­mu­ni­ka­ti­on habe ich als eine von zwei Refe­ren­tin­nen – die ande­re war die Jour­na­lis­tin, Auto­rin und Dozen­tin Nea Mat­zen –  über das erzählt, was den größ­ten Teil mei­nes Arbeits­all­tags als Redak­teu­rin bei Mann beißt Hund aus­macht: Online­tex­te schrei­ben.

Kompliziertes einfach sagen

In mei­nem Job geht es fast immer dar­um, kom­pli­zier­te Sach­ver­hal­te in ein­fa­che, anspre­chen­de Tex­te zu „gie­ßen“. Ich schrei­be viel über Stu­di­en, mal über Medi­zi­ni­sches, manch­mal wird es sehr tech­nisch, und päd­ago­gi­sche The­men habe ich auch häu­fig auf dem Schreib­tisch. Wenn ich nicht selbst schrei­be, redi­gie­re ich Tex­te ande­rer. Die Autor*innen sind sehr fach­kun­di­ge Per­so­nen auf ihrem jewei­li­gen Gebiet, aber nicht unbe­dingt erfah­ren dar­in, für ein brei­tes Publi­kum zu schrei­ben. Und das bringt mich direkt zu mei­nem zen­tra­len The­ma beim letz­ten Stamm­tisch: Ver­ständ­lich­keit. Natür­lich ist Ver­ständ­lich­keit nicht nur online wich­tig, son­dern für jede Art von Tex­ten. Aber im Netz sind die Leser*innen noch ein­mal unbarm­her­zi­ger: Was nicht sofort ins Auge springt, bleibt meist unge­le­sen. Prak­tisch nie­mand erar­bei­tet einen kom­pli­zier­ten Online­text von A bis Z – eine Web­site, die den glei­chen Inhalt les­ba­rer ver­mit­telt, ist garan­tiert nur ein paar Klicks ent­fernt.

Verständlichkeit ist kein Nice-to-Have, sondern eine gesellschaftliche Frage

Im Lauf der Jah­re bin ich zu einer ech­ten Kämp­fe­rin für ver­ständ­li­che Tex­te gewor­den, egal ob online oder gedruckt. Das hat auch einen gesell­schaft­li­chen Aspekt: Unnö­tig kom­pli­zier­te Tex­te schlie­ßen Men­schen aus – im schlimms­ten Fall mit Absicht, im bes­ten Fall aus Unacht­sam­keit oder Unwis­sen. Außer­dem habe ich selbst kei­ne Lust, ver­schwur­bel­te, gestelz­te Tex­te zu lesen, deren Autor*innen sich offen­bar wenig Gedan­ken über ihre Rol­le als „Ver­mitt­ler“ gemacht haben.

So gut können Erwachsene in Deutschland lesen

Wer es für weit her­ge­holt hält, dass schwie­ri­ge Tex­te Men­schen aus­schlie­ßen, soll­te ein­mal die Ergeb­nis­se der PIAAC-Studie der OECD lesen. 2012 tes­te­te die Orga­ni­sa­ti­on für wirt­schaft­li­che Ent­wick­lung und Zusam­men­ar­beit unter ande­rem die Lese­kom­pe­tenz Erwach­se­ner in meh­re­ren Län­dern. Das Ergeb­nis für Deutsch­land: 17,5 Pro­zent der Erwach­se­nen in Deutsch­land errei­chen maxi­mal die nied­rigs­te Lese­kom­pe­tenz­stu­fe. Das heiß in etwa, dass sie auf Nach­fra­ge eine ein­fa­che, kon­kre­te Infor­ma­ti­on in einem kur­zen Text fin­den kön­nen – sofern die Fra­ge genau­so for­mu­liert ist, wie die gesuch­te Text­stel­le. Gera­de ein­mal 10,7 Pro­zent errei­chen die bei­den höchs­ten Lese­kom­pe­tenz­stu­fen. Das sind nicht ein­mal alle Per­so­nen mit aka­de­mi­schem Abschluss in Deutsch­land.

Einfach und praxisnah: das Hamburger Verständlichkeitsmodell

Um die Ver­ständ­lich­keit also immer im Blick zu hal­ten, ori­en­tie­re ich mich beim Schrei­ben am „Ham­bur­ger Ver­ständ­lich­keits­mo­dell“. Das unter ande­rem von Frie­de­mann Schulz von Thun ent­wi­ckel­te Kon­zept hat gleich drei ent­schei­den­de Vor­tei­le: Es eig­net sich für Gebrauchs­tex­te aller Art, es ist empi­risch belegt und es ist sehr anwen­dungs­ori­en­tiert. Sei­ne Grund­la­ge sind vier Dimen­sio­nen von Tex­ten:

  • Ein­fach­heit: Dazu gehö­ren zum Bei­spiel kur­ze, unver­schach­tel­te Sät­ze und der Ver­zicht auf Fremd­wör­ter (wenn das nicht mög­lich ist: erklä­ren). Flos­keln und Füll­wör­ter tra­gen eben­falls nicht zur Ver­ständ­lich­keit bei. Ver­ben sind leich­ter ver­ständ­lich als Nomen. Abs­trak­te Wör­ter, die kein Bild im Kopf erzeu­gen, soll­ten außer­dem nicht vor­kom­men – das sind zum Bei­spiel durch­füh­ren, erfol­gen, Ver­fah­ren, Vor­gang usw. Und auch auf Pas­siv­kon­struk­tio­nen soll­ten Autor*innen ver­zich­ten.
  • Gliederung/Ordnung: Die­se Dimen­si­on lässt sich auf zwei Tipps her­un­ter­bre­chen: 1. Das Wich­tigs­te zuerst sagen. 2. Vor dem Schrei­ben einen roten Faden ent­wi­ckeln. Online außer­dem beson­ders wich­tig: Eine kla­re äuße­re Glie­de­rung mit Zwi­schen­über­schrif­ten und am bes­ten noch ein paar Bul­let­points oder Auf­zäh­lun­gen.
  • Kürze/Prägnanz: Zwei Fra­gen soll­ten den kri­ti­schen Blick auf eige­ne Tex­te lei­ten. 1. Ist jedes Wort nötig? Und 2. Ist alles Nöti­ge gesagt? Mein Tipp: Vor dem Prü­fen den Text ein paar Stun­den oder noch bes­ser über Nacht lie­gen las­sen.
  • Anre­gen­de Zusät­ze: Auch ein­fa­che Tex­te kön­nen durch­aus lang­wei­lig sein, und das wie­der­um scha­det der Ver­ständ­lich­keit. Abhil­fe schaf­fen Geschich­ten, Bil­der, han­deln­de Per­so­nen. Schließ­lich sind Tex­te für Men­schen gemacht, und Men­schen reagie­ren nun ein­mal auf­merk­sa­mer auf ande­re Men­schen als auf unper­sön­li­che „Sach­ver­hal­te“.

Keep it simple“: Verständlichkeitsstudie von Mann beißt Hund

Bereits 2005 hat Mann beißt Hund übri­gens ein­mal Pres­se­mit­tei­lun­gen nach dem Ham­bur­ger Ver­ständ­lich­keits­mo­dell ana­ly­siert. Die Tex­te aus den Berei­chen Kul­tur, Wirt­schaft und Poli­tik ent­stamm­ten dem Pres­se­por­tal der dpa. Nur zwei der 120 Pres­se­mit­tei­lun­gen (2,4%) erreich­ten alle vier Merk­ma­le der Ver­ständ­lich­keit. Ins­ge­samt schnit­ten die Pres­se­infor­ma­tio­nen der Kul­tur am bes­ten und die aus dem Bereich Wirt­schaft am schlech­tes­ten ab. Die Hälf­te aller Pres­se­mit­tei­lun­gen aus dem Bereich Wirt­schaft erfüll­te kein ein­zi­ges Kri­te­ri­um des Ham­bur­ger Ver­ständ­lich­keits­mo­dells. In dem Han­dout fin­den sich unter ande­rem auch wich­ti­ge Regeln für das ver­ständ­li­che Schrei­ben.

Verständlichkeit kann Schmerzen bereiten

Ver­ständ­lich­keit ist also wich­tig und rela­tiv ein­fach her­zu­stel­len. War­um haben wir also trotz­dem mit so vie­len schwer ver­ständ­li­chen Tex­ten zu tun? Ich habe schon so viel um Satz­tei­le und Wör­ter gefeilscht, dass ich mitt­ler­wei­le ganz gut ver­ste­he, war­um es man­che Men­schen trotz allem lie­ber kom­pli­ziert haben. Ver­ständ­lich­keit kos­tet sie star­ke Über­win­dung, manch­mal bis an die Schmerz­gren­ze. Die häu­figs­ten Argu­men­te:

  • Mei­ne Arbeit ist sehr kom­plex und anspruchs­voll. Wenn ich so ein­fach dar­über schrei­be, könn­te mich jemand für sim­pel hal­ten.
  • Es ist in mei­ner Bran­che nicht üblich, sich so ein­fach aus­zu­drü­cken.
  • Mei­ne The­men sind so kom­plex, dass man sie nicht ein­fach beschrei­ben kann.
  • Ich hal­te das für unnö­tig. Die Leser­schaft ist gebil­det genug.

Für Verständlichkeit einsetzen

Wenn mei­ne Gesprächs­part­ner die­se Grün­de anfüh­ren, habe ich ver­schie­de­ne Erwi­de­run­gen parat. Nicht immer kom­me ich damit durch, aber häu­fig las­sen sich Auftraggeber*innen über­zeu­gen, wenigs­tens an eini­gen Stel­len ver­ständ­li­che­ren Sät­zen zuzu­stim­men. Und beim nächs­ten Text­pro­jekt sind wir uns dann meis­tens schnel­ler einig. Ich sage zum Bei­spiel,

  • dass unse­re Kun­den in der Regel sehr posi­ti­ves Feed­back zu ihren Text­pro­duk­ten erhal­ten, wenn sie sich auf Ver­ständ­lich­keit ein­las­sen.
  • dass es im angel­säch­si­schen Sprach­raum viel übli­cher ist, dass Wissenschaftler*innen ver­ständ­lich schrei­ben – und nie­mand hält sie des­halb für „unter­kom­plex“.
  • dass die Medi­en sich an die­sel­ben Ver­ständ­lich­keits­re­geln hal­ten und das somit für Leser*innen eine ver­trau­te Art der Kom­mu­ni­ka­ti­on ist.
  • dass Ver­ständ­lich­keit dazu bei­trägt, dass ihr Publi­kum sie wahr­nimmt und ihre Anliegen/Themen ver­steht.
  • dass auch Such­ma­schi­nen Tex­te danach bewer­ten und ran­ken, wie ver­ständ­lich sie sind.
  • dass die Lese­kom­pe­tenz in Deutsch­land gerin­ger aus­ge­bil­det ist, als vie­le anneh­men.

Ist Verständlichkeit ein Trend?

Vie­le Besu­che­rin­nen unse­res Stamm­ti­sches haben von ähn­li­chen Kämp­fen um Ver­ständ­lich­keit in ihren Jobs berich­tet, die sie immer dann aus­zu­fech­ten haben, wenn sie Tex­te mit Wissenschaftler*innen abstim­men. Inter­es­sant fand ich, dass anschei­nend jün­ge­re Forscher*innen offe­ner dafür sind, ihre Arbeit ver­ständ­lich zu kom­mu­ni­zie­ren. Ich deu­te das als Zei­chen für ein gewan­del­tes Selbst­ver­ständ­nis in der jün­ge­ren Wis­sen­schafts­ge­ne­ra­ti­on: run­ter vom Elfen­bein­turm, mit­ten in die Gesell­schaft. Zukünf­tig wer­de ich auch das in mei­nen Argu­men­ta­ti­ons­ka­ta­log auf­neh­men.

Seminarangebot

Am 8./9. Janu­ar 2018 bie­ten wir in der Mann-beißt-Hund-Akademie das Semi­nar „Tex­ten für Web und Soci­al Media“ mit Nea Mat­zen und Nico­la Wes­sing­ha­ge an. Hier erhal­ten Sie wei­te­ren Input und viel Raum, das Gelern­te direkt anzu­wen­den.

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