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Chancengerechtigkeit neu verhandeln – der Autor Marco Maurer im Interview

Der Jour­na­list und Autor Mar­co Mau­rer hat Anfang des Monats sein Buch “Du bleibst was du bist” ver­öf­fent­licht, das wir hier im Blog schon aus­führ­lich bespro­chen haben. Im Gespräch macht er sei­ne Anlie­gen deut­lich, erläu­tert sei­ne For­de­run­gen und erklärt, war­um er sich als Jour­na­list für Chan­cen­ge­rech­tig­keit enga­giert.

Foto Marco Maurer

Mar­co Mau­rer. Bild: Baye­ri­scher Rund­funk

Ich Arbei­ter­kind” lau­te­te der Titel des ZEIT-Dossiers, das Vor­läu­fer für Ihr Buch war. Ist das heu­te noch eine Kate­go­rie, die pas­send ist für die­je­ni­gen, die vom Bil­dungs­er­folg aus­ge­schlos­sen blei­ben?

Nein, der Begriff ist natür­lich unpas­send, eigent­lich. In mei­nem Buch defi­nie­re ich den Begriff „Arbei­ter­kind“ des­halb wei­ter. Für mich sind das heut­zu­ta­ge Kin­der, in deren Fami­li­en klas­si­sche Bil­dung – ein Buch lesen, ins Thea­ter gehen – nicht zählt. Auch ein Haus­halt, in dem kaum eine poli­ti­sche Bil­dung statt­fin­det. Das kann die Toch­ter einer Super­markt­kas­sie­re­rin oder eines Hartz-IV-Empfängers genau­so sein wie der Sohn eines Metz­gers oder die Kin­der in den Will­kom­mens­klas­sen eines Ein­wan­de­rers aus Syri­en mit wenig Schul­bil­dung und sprach­li­chen Defi­zi­ten. Zudem plä­die­re ich dafür, anstel­le von „Arbei­ter­kind“ – ein wie ich fin­de häss­li­ches und rück­wärts­ge­wand­tes Wort – lie­ber die lei­der etwas sper­ri­ge Bezeich­nung „Erst­stu­die­ren­de in einer Fami­lie“ zu ver­wen­den. In den USA gibt es dafür den Aus­druck „first gene­ra­ti­on stu­dents“.  Brauch­bar ist – wenn auch nicht sehr schön – der Begriff „Nicht-Akademikerkind.“

Sie glau­ben – wie meh­re­re Ihrer Gesprächs­part­ner auch –, dass der Auf­stieg für ein Kind aus nicht-akademischem Milieu heu­te noch schwie­ri­ger gewor­den ist als in den 70er und 80er Jah­ren. Wor­an machen Sie das fest?

Naja, einer­seits an den Zah­len. Auch wenn das Leu­te wie der Jour­na­list Chris­ti­an Fül­ler anders sehen, spre­chen die Zah­len der aktu­el­len Sozi­al­er­he­bung des Deut­schen Stu­den­ten­werks noch immer für sich: 77 Pro­zent der Aka­de­mi­ker­kin­der begin­nen ein Stu­di­um, bei nicht-akademischen sind es 23 Pro­zent. Da hilft auch der Ver­weis auf die stei­gen­de Abitur­quo­te wenig. Denn wenn immer mehr Men­schen Abitur machen, hat das nicht nur posi­ti­ve Fol­gen. Das Anse­hen des Abitur­zeug­nis­ses sinkt dadurch näm­lich. Den­noch wird die stei­gen­de Abitur­quo­te als Erfolg in den Sta­tis­ti­ken ver­bucht. Unge­ach­tet des Umstands, dass dann ande­re Fak­to­ren wie­der wich­ti­ger wer­den. Nicht nur der Geld­beu­tel, son­dern auch das Netz­werk der Eltern und der Habi­tus, also das Auf­tre­ten einer Schü­le­rin. Es wird wie­der bedeut­sa­mer, ob sie sich gut klei­den kann, ob sie Aus­lands­auf­ent­hal­te und schlecht bezahl­te Prak­ti­ka vor­wei­sen – nein, sich leis­ten kann. Die­se geerb­ten Fak­to­ren ent­schei­den dann letzt­lich über die Kar­rie­re – und das „Arbei­ter­kind“ wird bes­ten­falls Büro­kauf­mann mit Abi­zeug­nis.

Zudem habe ich ja mit vie­len Exper­ten zum The­ma gespro­chen, sie alle bestä­tig­ten mir das. For­scher berich­te­ten mir von ihren Ergeb­nis­sen. Und was ich in den Haupt­schu­len, in den Gym­na­si­en und an den Gemein­schafts­schu­len haut­nah gese­hen habe, das lässt ja auch kei­nen ande­ren Schluss zu. Genau wie das, was ich bei Arbeiterkind.de erlebt habe und als ich mit dem Talent­för­de­rer Suat Yil­maz im Ruhr­pott unter­wegs war. Die­se Rea­li­tä­ten gibt es, und ich hab sie als Repor­ter beschrie­ben.

Sie ver­lan­gen unter ande­rem die Abschaf­fung der frü­hen Tren­nung von Grund­schul­kin­dern nach vier Jah­ren in ver­schie­de­ne Schul­for­men. In Ham­burg ist genau die­ses gemein­sa­me Ler­nen bis zur sechs­ten Klas­se bei einem par­tei­über­grei­fen­den Kon­sens vor eini­gen Jah­ren am Wider­spruch bestimm­ter Eltern geschei­tert. Ist die Poli­tik da noch der rich­ti­ge Ansprech­part­ner?

Ich fin­de, wir müs­sen die Poli­tik in ihre Pflicht neh­men. Das The­ma muss ver­han­delt wer­den. Doch die CDU/CSU ver­spürt da kei­nen Wil­len, etwas zu ändern. Die SPD will viel­leicht noch, aber hat seit der Abspal­tung der Lin­ken zu wenig eige­ne Kraft, um in die­sem Land noch Ver­än­de­run­gen anzu­sto­ßen. In der gro­ßen Koali­ti­on muss­ten sie sogar das so ver­hass­te Betreu­ungs­geld akzep­tie­ren. Auch wenn Bil­dungs­po­li­tik Län­der­sa­che ist, hat das ja Aus­wir­kun­gen. Die SPD for­der­te bei der ver­gan­ge­nen Bun­des­tags­wahl, 20 Mil­li­ar­den jähr­lich in das Bil­dungs­sys­tem zu ste­cken. Da aber nur mit den Grü­nen kei­ne Mehr­heit mehr zu gewin­nen ist, ist das nichts ande­res als ein from­mer Wunsch geblie­ben.

Zudem: Wer soll es denn sonst machen als die Poli­ti­ker? Viel­leicht müss­ten aber auch die Jour­na­lis­ten mal das The­ma für sich erken­nen. Erfreu­li­cher­wei­se pas­siert das gera­de bei der Flücht­lings­pro­ble­ma­tik. Es ist jetzt auf der Agen­da. Ich wür­de mir wün­schen, dass unser Bil­dungs­sys­tem auch mal so in den Fokus gelangt.

Und zu den Eltern – ich bin da ähn­li­cher Mei­nung wie Ole von Beust. Ich glau­be wir kön­nen es uns nicht wei­ter leis­ten, Men­schen von Teil­ha­be an Chan­cen aus­zu­schlie­ßen. Sonst knallt bald der Laden. Das sag­te er mir, und das sehe ich ähn­lich. Das kön­nen weder Eltern noch Poli­ti­ker noch Jour­na­lis­ten dau­er­haft wol­len. Wir als Gesell­schaft müs­sen da umden­ken und das heißt: Mehr Geld, Auf­merk­sam­keit und Qua­li­tät in unser Bil­dungs­sys­tem ste­cken und die­se Wün­sche an die Poli­tik kom­mu­ni­zie­ren. Deutsch­land hät­te genug Geld im Staats­haus­halt, um mehr Chan­cen­ge­rech­tig­keit zu ver­wirk­li­chen.

Chan­cen­gleich­heit in der Schu­le geht ein­her mit einer stär­ke­ren Ein­fluss­nah­me des Staa­tes auf die Erzie­hung unse­rer Kin­der. Kön­nen Sie nach­voll­zie­hen, dass eini­ge Eltern sich dage­gen weh­ren und in Pri­vat­schu­len flüch­ten, wenn sie erle­ben, wie schlecht aus­ge­stat­tet die öffent­li­chen Ein­rich­tun­gen für die­se Auf­ga­be sind?

Ich glau­be das Pro­blem sind nicht die Pri­vat­schu­len. Die hat es immer gege­ben und wird es auch immer geben. Außer­dem wür­de ich eher von Chan­cen­ge­rech­tig­keit spre­chen, nicht Chan­cen­gleich­heit. Zu Ihrer Fra­ge: Ich kann das mit den Pri­vat­schu­len sogar nach­voll­zie­hen, aber ich kann es auch nicht in allen Fäl­len gut­hei­ßen. Ich glau­be auch, dass die­sen Kin­dern in Pri­vat­schu­len ein wenig Rea­li­tät genom­men wird. Das sind im schlimms­ten Fall Schu­len, die nichts mit unse­rer Gesell­schaft zu tun haben, abge­schot­te­te Sys­te­me. Trifft dort eine reprä­sen­ta­ti­ve Gesell­schaft auf­ein­an­der? Gibt es dort Kin­der von Zuwan­de­rern, von Arbei­tern und Hand­wer­kern? Oder doch nur eher die Kin­der der gut eta­blier­ten Mittel- bis Ober­schicht? Wird in die­sen Schu­len die sozia­le Kom­pe­tenz aus­rei­chend geför­dert? Jetzt über­spit­ze ich ein wenig: aber viel­leicht müs­sen die­se Privatschul-Kinder ja sogar wie­der re-integriert wer­den, weil sie den Umgang mit der durch­schnitt­li­chen Gesell­schaft in ihren Schu­len ver­ler­nen? Ich weiß übri­gens von einem Fußball-Nationalspieler und Welt­meis­ter: Er und sei­ne Frau brin­gen ihr Kind aus genau die­sem Gedan­ken in eine ganz nor­ma­le Kita. Die machen kein Bohei um ihr Kind und wer­den es wahr­schein­lich auch nicht auf eine Pri­vat­schu­le schi­cken. War­um auch, sagen sie sich. Das ist vor­bild­lich.

Wie bewer­ten Sie die aktu­el­le Kla­ge vom so genann­ten „Aka­de­mi­sie­rungs­wahn“?

Ach, das ist doch Blöd­sinn. Natür­lich müs­sen nicht alle stu­die­ren. Und es müs­sen mehr Kin­der und Jugend­li­che eine Leh­re antre­ten dür­fen, deren Eltern Aka­de­mi­ker sind, wenn sie es sich wün­schen und begabt dafür sind. Aber der Sta­tus­er­halt der Eltern lässt das ja nicht zu. Flo­ris­tin zu wer­den wird von die­sen Eltern als Abstieg emp­fun­den – das ist doch sehr scha­de, oder nicht? Auf der ande­ren Sei­te müss­ten eben mehr die­ser bis­he­ri­gen Nicht­aka­de­mi­ker­kin­der ein Stu­di­um antre­ten dür­fen. Aber sie schei­tern an zu vie­len Hür­den – inner­halb der Fami­lie sind das Vor­be­hal­te, außer­halb ein selek­ti­ves Schul­sys­tem und spä­ter auf den Kar­rie­re­we­gen Hür­den wie unbe­zahl­te oder schlecht bezahl­te Prak­ti­ka, die sich nur die leis­ten kön­nen, die mit einem gewis­sen Kapi­tal im Rücken aus­ge­stat­tet sind. Und so sind sich die Top-Entscheider unse­rer Repu­blik meist zu ähn­lich, Diver­si­tät fin­det kaum statt, dort wo die wich­ti­gen Ent­schei­dun­gen getrof­fen wer­den.

Ihre per­sön­li­chen Schil­de­run­gen, die das Buch sehr anschau­lich machen, ver­ra­ten viel auch von den Men­schen aus Ihrem engs­ten Umfeld. Wie haben Ihre Fami­lie und Ihre Freun­de reagiert, als sie erfuh­ren, wie viel Sie von ihnen preis­ge­ben?

Mein Vater sag­te mir: „Mar­co, Du darfst alles schrei­ben, Haupt­sa­che es ist wahr.“ Zudem habe ich bei den ein oder ande­ren natür­lich gefragt, ob es mög­lich ist, ihn oder sie abzu­bil­den. Sie waren ein­ver­stan­den – dafür bin ich jeweils sehr dank­bar. Ich woll­te dadurch das eher unat­trak­ti­ve The­ma Bildung/Chancengerechtigkeit nach­fühl­ba­rer und greif­ba­rer machen. Das galt für das ZEIT-Dossier einst wie auch heu­te für mein aktu­el­les Buch.

In Ihrem Video bit­ten Sie die, die Ihre Mei­nung tei­len, um Unter­stüt­zung. Was könn­ten Ein­zel­ne tun?

Naja, sich über unser gegen­wär­ti­ges Bil­dungs­sys­tem Gedan­ken zu machen, wäre schon ein Anfang. Jour­na­lis­ten könn­ten das Feld mehr beackern, Unge­rech­tig­kei­ten beschrei­ben. Aber das ist halt für vie­le zu unat­trak­tiv. Und Men­schen, die hel­fen wol­len, kön­nen nicht nur an die Poli­tik appel­lie­ren, son­dern sich über­le­gen, ob sie in ein Men­to­ren­pro­gramm gehen und begab­ten jun­gen Men­schen hel­fen könn­ten. Das gilt vor allem auch für Sozi­al­ein­rich­tun­gen wie Kin­der­gär­ten, Kitas, Schu­len usw. Es wäre toll, wenn die mit Initia­ti­ven wie Rock Your Life, Arbeiterkind.de, Teach First oder ande­ren regio­na­len Men­to­ring­pro­gram­men zusam­men­ar­bei­ten wür­den. Und wenn unse­re Hoch­schu­len Pro­gram­me anbie­ten könn­ten, um gezielt begab­te Men­schen aus eher bil­dungs­fer­nen Milieus in ihre Hör­sä­le zu locken. Vor­bild­lich macht das ja die Hoch­schu­le Gel­sen­kir­chen mit ihrem Pro­gramm „Mei­ne Talent­för­de­rung“. Jede moder­ne Hoch­schu­le könn­te das gebrau­chen. Aber bei die­sem The­ma sieht man ja unse­re Hoch­schu­len oft­mals noch im Tief­schlaf.

Sie machen sich in Ihrem Buch für poli­ti­sche For­de­run­gen stark, kämp­fen für Chan­cen­ge­rech­tig­keit in der Bil­dung und beken­nen sich zu einer poli­ti­schen Hal­tung. Wie ste­hen Sie zu dem viel zitier­ten Aus­spruch von Hanns Joa­chim Fried­richs, ein Jour­na­list mache sich mit kei­ner Sache gemein – auch mit kei­ner guten?

Hanns Joa­chim Fried­richs Arbeit schätz­te ich sehr – aber das sehe ich ganz anders. Ich fin­de, Jour­na­lis­ten müss­ten gene­rell wie­der stär­ker eine poli­ti­sche Hal­tung – egal ob kon­ser­va­tiv, libe­ral oder links – ein­neh­men. Es gibt übri­gens Unter­su­chun­gen, dass die­ser Gedan­ke unter Jour­na­lis­ten­schü­lern kaum mehr ver­brei­tet ist. In den 1970er/1980er Jah­ren war das noch anders. Ich könn­te mir auch vor­stel­len, dass das wie­der­um damit zusam­men­hängt, dass die meis­ten Jour­na­lis­ten­schü­ler aus dem­sel­ben Milieu ent­sprin­gen.

Selbst sehe ich mich auch kei­ner Par­tei zu nahe. Ich ver­bün­de mich eher mit den Schwä­che­ren, den oft­mals Nicht-Gehörten. In die­ser Hin­sicht sind dann Jour­na­lis­ten wie Heri­bert Prantl, Bernd Ulrich, Alex Rueh­le, Julia Fried­richs und Sabi­ne Rück­ert Vor­bil­der. In vie­len Tex­ten und Kom­men­ta­ren von ihnen schim­mert eine poli­ti­sche Grund­hal­tung durch – bes­se­re Flücht­lings­po­li­tik, der Wunsch nach einer ech­ten sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Par­tei, eine gerech­te­re Steu­er­po­li­tik, der Wunsch, dass Frau­en geför­dert und gleich­ge­stellt gehö­ren, der Wunsch, dass star­re Mus­ter durch­bro­chen wer­den, wir ein bes­se­res Land wer­den. Mein der­zei­ti­ges Top-Thema ist eben: der Wunsch nach bes­se­ren Chan­cen für sozi­al eher aus­ge­grenz­te Men­schen – durch unser Bil­dungs­sys­tem, durch uns alle. Mit die­ser Sache mache ich mich sehr gern gemein.

Wir dan­ken Mar­co Mau­rer für das Gespräch!

Lesen Sie hier unse­re Rezen­si­on des Buches von Mar­co Mau­rer: Du bleibst was du bist.

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