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Akustisches Charisma für auditive Plattformen

In Zeiten von Clubhouse, Twitter Spaces, Facebooks Audio Services und Podcasts wird die Stimme immer wichtiger. Wie wir mit akustischem Charisma überzeugen, haben wir beim letzten Stammtisch Wissenschaftskommunikation im April erfahren.

Interessierte Zuhörer*innen online versammelt

Medientrainerin Katrin Prüfig lieferte wissenschaftliche Hintergründe rund um das Konzept des akustischen Charismas. Sie verriet dabei auch, wie sich diese Erkenntnisse ganz praktisch in der professionellen Kommunikation umsetzen lassen. Die drei Clubhouse-Experten Holger Kahnt, Volker Weber und Stefan Spatz ließen uns hinter die Kulissen der heiß diskutierten App blicken. Im Austausch mit den Stammtisch-Teilnehmenden berichteten sie von ihren Erfahrungen nach gut drei Monaten. Wir haben zehn zentrale Learnings aus der aufschlussreichen Gesprächsrunde mitgenommen:

  1. Akustisches Charisma – was ist das überhaupt?
    Den Begriff akustisches Charisma haben Forscher*innen der Süddänischen Universität in Sonderburg definiert. Er umfasst die Wirkung 16 einzelner Bausteine unserer Sprechweise. Unter anderem gehören dazu das Sprechtempo, die Betonung und die Satzstruktur.
  2. Akustisches Charisma ist messbar
    Die Phonetiker*innen der Uni Sonderburg messen das akustische Charisma mit Hilfe einer künstlichen Intelligenz. Nach drei- bis fünfminütigen Sprechproben erkennt der Algorithmus, wie eine Testperson stimmlich nach den vorgegebenen Kriterien einzuordnen ist. Das Ergebnis wird auf einer Skala von 0-100 ausgegeben. Dabei steht der Bereich 80-100 für eine hervorragende Leistung. Personen wie Barack Obama, Steve Jobs oder Marietta Slomka erzielen Werte in diesem Bereich.
  3. Übung macht den Meister
    Die gute Nachricht: Akustisches Charisma ist trainierbar und keineswegs nur auf angeborenes Naturtalent zurückzuführen. Bei der Optimierung des stimmlichen Auftritts sollte man verschiedene Aspekte beachten. Eine dynamische Sprechweise vermittelt zum Beispiel Souveränität und Kompetenz. Zu schnelles Sprechen kann die Zuhörenden dagegen auch überfordern. Ein hörbarer Punkt am Satzende sorgt dafür, dass die Botschaft bei den Zuhörer*innen landet und ihre Kraft entfalten kann. Kleine Pausen beim Sprechen sind wichtig, um den Gedanken der Zuhörerschaft Raum zu verschaffen und die Botschaften ankommen zu lassen. Kurze Sätze erleichtern das Verstehen.
  4. Das ist Musik in meinen Ohren!
    Die rechte Gehirnhälfte liefert den emotionalen Kontext beim Verstehen von Sprache. Hierbei sind die gleichen Areale aktiv, die auch beim Musikhören in Aktion treten. Deshalb spricht uns gerade eine rhythmisch-melodische Sprache sehr an. Gute Redner*innen wirken wie Musik in unserem Gehirn. Sie erreichen, dass wir beim Zuhören mitfühlen und uns auf sie einlassen.
  5. Es kommt auf die innere Haltung an
    Bezüglich der Wirkung von Sprache und Stimme ist vor allem die Einstellung der Rednerin oder des Redners zum Thema ausschlaggebend. Begeisterung für die Sache und Authentizität gelten als Voraussetzung, um stimmlich überzeugen zu können. Gekünsteltes und aufgesetztes Interesse macht sich in der Stimme bemerkbar – das Auditorium wird entsprechend darauf reagieren.
  6. Frauenstimmen haben es schwerer im digitalen Raum
    Technische Kompressionen nehmen der weiblichen Stimme viel Kraft und Dimension – und zwar deutlich stärker als es bei Männerstimmen der Fall ist. Nach den Kriterien der Phonetiker*innen verfügen Frauen im Durchschnitt ohnehin über ein niedrigeres akustisches Charisma als Männer. Das sehen die Wissenschaftler*innen auch im Zusammenhang mit ihrer gesellschaftlichen Stellung und Sozialisation. Entsprechend anders sieht es in Skandinavien aus. Hier ist die Geschlechtergleichstellung fortgeschritten. Das spiegelt sich auch im akustischen Charisma wider und führt dazu, dass skandinavische Frauen deutlich höhere Werte erzielen.
  7. Clubhouse: ein interessantes Tool für die Wissenschaftskommunikation
    Ja, auch Wissenschaftler*innen kommunizieren bereits auf der Plattform Clubhouse. Das Spektrum reicht dabei von Talks über das menschliche Gehirn bis hin zum „Corona Weekly“, in dem u.a. aktuelle Corona-Studien erklärt werden. Gastgeber sind der Podcaster Tim Pridlove und der Politiker Pavel Mayer. In einer Umfrage auf dem Portal Wissenschaftskommunikation.de nennen die Befragten neben Potenzialen auch Nachteile der neuen Plattform. Noch ist das Angebot an wissenschaftlichen Clubs überschaubar, was auch an der bislang immer noch eingeschränkten Zugänglichkeit der Plattform liegen mag (s.u.). Raum für mehr ist vorhanden.
  8. Soziales Medium mit Tiefgang
    Die Clubhouse-Experten Kahnt und Weber schätzen an dem Audio-Format besonders, dass Raum für „echten Austausch und tiefgründige Gespräche“ bestehe. Darin unterscheidet sich die Plattform ihrer Ansicht nach von anderen sozialen Medien am stärksten. Anstatt der oberflächlichen Inszenierung der eigenen Person stehe hier gegenseitiges Zuhören und der Versuch, sich auf andere einzulassen, im Vordergrund. Personen mit emphatischem, glaubwürdigem Auftritt hätten größere Chancen, in der App Gehör zu finden.
  9. Stetige Verbesserungen in Sicht
    Von Beginn an steht die neue Plattform in der Kritik. Android-Nutzer*innen beschweren sich über den fehlenden Zugang zu dem sozialen Netzwerk. Das Unternehmen arbeitet aktuell an diesem Problem und eine Android-App befindet sich in der Entwicklung. Im Mai soll eine erste Version auf den Markt kommen, mit einem weltweiten Roll-Out rechnen die Experten aber erst später.
    Auch der Datenschutz wird kritisch beäugt. Hier hat das Unternehmen bereits nachgebessert. Nutzer*innen müssen ihr eigenes Telefonbuch nicht mehr hochladen und freigeben. Außerdem lässt sich der Zugriff nun auch nachträglich wieder zurücknehmen.
  10. Intuitive Barrierefreiheit
    Mittlerweile hat sich auf Clubhouse eine große Community aus blinden und sehbehinderten Nutzer*innen zusammengefunden. Für sie stellt die App eine natürliche Plattform dar, da sie nicht visuell orientiert ist.

Neben den inhaltlichen Fragen waren am Ende auch technische Tipps Thema des Gesprächs. Hier verweisen wir auf einen Text von Volker Weber, der Empfehlungen für den Einsatz von Mikros und Headsets zusammengefasst hat. Bei Clubhouse bietet er mit seinem Kollegen Ralf Rottmann regelmäßig einen Soundcheck an – Termine erfahren alle, die ihm bei Clubhouse unter @vowe folgen.

Twitter Spaces wurde beim Stammtisch nicht weiter diskutiert, da die Funktion noch in der Beta-Phase weiterentwickelt wird. Aktuell steht sie nur ersten User*innen zur Verfügung. Vorteil: Jede*r, der/die einen Twitter-Account hat, kann teilnehmen, unabhängig ob IPhone- oder Android-User*in. Wissenschaft im Dialog hat einen ersten Versuch gestartet und sieht für die Wissenschaftskommunikation „ein großes Potenzial für audiobasierte und niederschwellige Diskussionen auf Twitter“ – nachzulesen im Erfahrungsbericht. Auch Facebook meldete am 19. April umfangreiche neue Audio-Services an, unter anderem in einer Kooperation mit Spotify.

Weitere Informationen zu den Referent*innen:

Alle, die an ihrem akustischen Charisma feilen möchten, können im Mai und Juni an unserem neuen Akademie-Seminar mit Katrin Prüfig als Dozentin teilnehmen. Details und Eckdaten zum Online-Workshop hier bei uns auf der Seite in der Akademie.

Am 31. Mai feiert der Stammtisch Wissenschaftskommunikation #hhswk sein fünfjähriges Bestehen! Das nächste Treffen haben wir deshalb außerplanmäßig für Montag, den 31. Mai, geplant, Infos folgen. Weitere Details zum Stammtisch finden sich auf unserer Website – wer in den Verteiler für regelmäßige Informationen und Einladungen noch aufgenommen werden möchte, schreibt bitte eine Mail an info@mann-beisst-hund.de.

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