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Pressemitteilung mit Gendersternchen?

Pressemitteilungen sind beim Thema gendergerechte Sprache ein Sonderfall, weil sie für viele Redaktionen als Textgrundlage dienen und weiter verarbeitet werden. Andererseits: Wer arbeitet schon mit „copy and paste“? Wir haben ein Meinungsbild eingeholt: Wie denken Journalist*innen darüber, wenn sie Mitteilungen mit* erhalten?

„Gendersternchen oder Ähnliches bringen mir in der Pressemitteilung nichts, solange die Medien, für die ich schreibe, sie nicht auch verwenden“, sagt Thomas Röbke, freier Redakteur. Die Wissenschaftsjournalistin Nicola Kuhrt findet gendergerechte Sprache auch in der Öffentlichkeitsarbeit „einfach fair“ und spricht sich für den Genderstern aus. Skeptischer zeigt sich die freie Journalistin Franziska Weigelt: „Ich denke nicht, dass dies (Genderstern) zur Gleichberechtigung oder zu mehr Toleranz gegenüber Menschen, die queer sind, beiträgt“, sagt sie. Christian Möller, Hörfunkjournalist und Podcastproduzent, würde es begrüßen, wenn ihn Pressemitteilungen gendergerecht formuliert und mit Sparschreibung erreichten. Er selbst gesteht aber ein, in der mündlichen Anwendung noch damit zu fremdeln.

Geteiltes Meinungsbild mit klarer Tendenz

Beim Thema gendergerechte Sprache gibt es unter Journalist*innen offenbar ähnlich verschiedene Meinungen, wie insgesamt in der Debatte zu hören sind. Allerdings erscheinen sie weniger polarisierend. Unser nicht-repräsentatives Meinungsbild, für das wir insgesamt 45 Medienschaffende befragt haben, zeigt sogar eine deutliche Tendenz: Gendergerechte Sprache ist nicht mehr aufzuhalten, auch wenn sie noch längst nicht in allen Medien Realität ist. Es geht nicht mehr um die Frage des Ob, sondern eher noch um das Wie. Die meisten unserer Befragten möchten vor allem gendergerecht formulierte Informationen erhalten, egal in welcher Form.

„Ich bin unbedingt für gendergerechte Sprache, auch in Pressemitteilungen. Das zeigt, dass ein Unternehmen gegenwärtig denkt“, empfiehlt zum Beispiel der Journalist Dirk von Gehlen von der Süddeutschen Zeitung. Auch die Redakteurin Michelle Brajdic wünscht sich ein Statement: „Ich finde es wichtig, sprachlich ein Zeichen zu setzen und so die Thematik in den Köpfen zu verankern“, sagt sie. Die freie Journalistin Christiane Pütter-Haux spricht sich sehr deutlich dafür aus, dass Medien gendergerechte Sprache unterstützen: „Gendersternchen, Binnen-I, Schrägstrich – nichts davon ist elegant. Nichts davon lesefreundlich.“ Dennoch sei Sprache lebendig. Sie erwarte, dass Medien Geschlechtergerechtigkeit und Chancengleichheit forcieren: „Solange es keine eleganten Möglichkeiten gibt, eben unelegant.“

Aber gibt es denn keine anderen Lösungen? „Es ist möglich, kein einziges Sternchen zu verwenden und dennoch gendergerecht zu formulieren“, sagt Christine Olderdissen, freie Journalistin und Leiterin des Projekts „Genderleicht“ des Journalistinnenbundes. Interessierte finden dazu auf www.genderleicht.de zahlreiche Anregungen. Die Seite adressiert explizit auch diejenigen, die „keine Lust auf Sternchen“ haben. Ebenso richtet sie sich an Verfasser*innen von Pressemitteilungen, die auf Sparschreibungen wie das Gendersternchen bewusst verzichten, um sich den sprachlichen Gepflogenheiten der Medien anzupassen.

Mehrheit wünscht sich Pressemitteilungen gendergerecht

Insgesamt 33 Journalist*innen (Männer und Frauen in etwa gleicher Anzahl) haben sich in unseren Gesprächen zu der Frage positioniert, ob sie Pressemitteilungen in gendergerechter Sprache wünschten oder nicht. 25 von ihnen äußerten sich positiv. Vier sprachen sich dagegen aus, weiteren vier Befragten war es egal. Eine Sparschreibung (also zum Beispiel Genderstern oder Gendergap) befürworteten 18 Journalist*innen, fünf waren dagegen, zehn hatten dazu keine explizite Meinung.

28 der Befragten gaben Auskunft darüber, ob sie bereits Pressemitteilungen mit Gendergap, -stern oder Binnen-I erhalten. 16 von ihnen erinnerten sich an solche Texte, fünf hatten bislang keine Pressemitteilungen mit diesen Sparschreibungen im Postfach gehabt. Sieben weitere waren sich nicht mehr sicher.

Im Presseportal von news aktuell finden sich mehrere Unternehmen und Institutionen, die mit Sternchen gendern, unter anderem der ARD Kinderkanal KiKA, die Futurium gGmbH, Herta BSC GmbH, das Deutsche Institut für Sporternährung und die Stadt Hannover.

Annika Schach, bis vor Kurzem Leiterin Kommunikation der Stadt Hannover, hat Anfang des Jahres Empfehlungen für geschlechtergerechte Sprache in der Verwaltungskommunikation herausgegeben. Im Magazin „Pressesprecher“ (sic!) erklärt sie, warum sie seit 2019 auch Pressemitteilungen gendergerecht und mit Sternchen verfasst: „Im Stadtleitbild steht: Vielfalt ist unsere Stärke. Daher ist es nur folgerichtig, dass wir Menschen auch umfassend ansprechen möchten.“ Wichtig ist ihr dabei, Vorbild zu sein: „Wir schreiben niemandem etwas vor“.

Dieser Text entstammt unserem Newsletter „Wuff-Sendung“, in dem wir etwa sechs Mal im Jahr über Trends in der Kommunikation berichten, Tools vorstellen und Tipps geben. Wer keine Ausgabe verpassen möchte, registriert sich hier.

Ein Kommentar

  • 16. September 2019 [Pingback] - Gendergerecht kommunizieren
    […] Neben der gesprochenen Sprache beeinflusst auch die Bildauswahl, welche Vorstellungen bei den Zielgruppen aufgerufen werden: Wenn in einer Broschüre zum Thema Digitalisierung von insgesamt zwölf Personen nur zwei weiblich sind, so hat das unter anderem eine Auswirkung darauf, wer sich davon angesprochen fühlt – oder auch nicht. Und ist bei einer Diskussion nur die Moderation in weiblicher Hand, so ist das nicht nur vor Ort eine Aussage, sondern auch auf den Fotos der Veranstaltung, in Video-Mitschnitten, in der Ankündigung und im Programm. Unter dem Hashtag #wievieleFrauen werden insbesondere so genannte „all-male“-Podien inzwischen als unzeitgemäß kritisiert. Zum Thema Pressemitteilungen haben wir ein Meinungsbild bei Journalist*innen eingeholt – zu lesen in unserer Zusammenfassung. […]

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