Menü

Gegen den Hass: Lieb sein!

Mit dem Wunsch auf un­se­rer Weihnachtskarte, dem Hass et­was ent­ge­gen­zu­set­zen, spre­chen wir si­cher vie­len aus dem Herzen. Was aber kann je­der und je­de Einzelne un­ter­neh­men, da­mit Menschen nicht wei­ter durch die Hasskommentare und Beschimpfungen an­de­rer in ih­rer Würde ver­letzt, ver­ängs­tigt und ih­rer frei­en Meinungsäußerung be­raubt wer­den? Was kön­nen wir da­zu bei­tra­gen, die freie Kommunikation zu ret­ten?

stoppdenhassHasserfüllte Anschuldigungen und Pöbeleien ha­ben auch in die­sem Jahr ei­ni­gen Menschen die Lust oder auch den Mut ge­nom­men, sich noch auf Diskussionen ein­zu­las­sen. Wir soll­ten die­sem Hass et­was ent­ge­gen­set­zen. „Lieb sein“ heißt nicht schwei­gen, son­dern auf­ein­an­der zu­ge­hen, sich ein­mi­schen und wenn nö­tig kla­re Kante zei­gen. So ret­ten wir et­was, das uns am Herzen liegt: die freie Kommunikation. (Mann beißt Hund, 2016)

Im aus­ge­hen­den Jahr ha­ben sich vie­le Betroffene so­wie Expertinnen und Experten da­zu ge­äu­ßert, wie das geht: dem Hass et­was ent­ge­gen­zu­set­zen. Sie ha­ben dis­ku­tiert und sind ak­tiv ge­wor­den. Wir sam­meln hier ei­ni­ge Überlegungen, Hinweise und gu­te Beispiele, die zei­gen: Wir kön­nen et­was ge­gen den Hass un­ter­neh­men.

1. Bei sich selbst beginnen

Zuerst ein Tipp von uns: Fangen wir doch ein­fach mal bei uns selbst an und fra­gen:

  • Habe ich dem Hass mehr ent­ge­gen­zu­set­zen als mei­ne Empörung?
  • Was tra­ge ich selbst da­zu bei, dass der Umgang in Gesprächen – on­line oder im wah­ren Leben – acht­sam und re­spekt­voll ist?
  • Wann ist es wich­tig, Hass und Verletzungen öf­fent­lich zu ma­chen, wann dre­he ich die Hassspirale nur noch wei­ter, in­dem ich sie tei­le und mich dar­über aus­las­se?

2. Präsenz zeigen und strategisch kommunizieren

In ei­ner Broschüre der Antonio Amadeo Stiftung “Geh ster­ben! – Hate Speech und Kommentarkultur im Internet“ sind gleich meh­re­re Ansätze zu fin­den, wie man dem Hass kom­mu­ni­ka­tiv be­geg­net, von Ignorieren über Moderieren bis hin zu Ironisieren.

gehsterben

„Haltung und Präsenz“ emp­fiehlt Anne-Mareike Krause, Leiterin Social Media von tagesschau.de. Sie sieht sich mit ih­rem Team in der Verantwortung, Nutzerinnen und Nutzer zu un­ter­stüt­zen und die zu­rück­zu­ho­len, die be­lei­digt oder aus der Diskussion ge­drängt wor­den sind.

Torsten Beeck, Leiter Social Media bei Spiegel Online, rät, auch Störenden zu­nächst mit Respekt zu be­geg­nen, sich aber im Ernstfall nicht da­von ab­hal­ten zu las­sen, sie zu sper­ren – selbst wenn man sich da­mit den Vorwurf der Zensur ein­ho­len könn­te. Als wei­te­re Strategie nennt er Humor, der zu ei­ner star­ken Solidarisierung der Community füh­ren kön­ne. Social-Media-Manager soll­ten sich aber – ge­ra­de als be­kann­te Marke – nicht da­zu ver­lei­ten las­sen, Kommentatoren bloß­zu­stel­len.

3. Den Anfängen wehren

Sabria David, Mitgründerin des Slow-Media-Instituts, setzt dort an, wo es noch gar nicht zu ei­ner ex­pli­zi­ten Beleidigung ge­kom­men ist, und gibt ei­ne kla­re Anweisung:

Ab wann soll man re­agie­ren?

Schon ganz früh­zei­tig, schon bei de­struk­ti­ven Aussagen, nicht erst bei Hatespeech.

Warum?

Weil die de­struk­ti­ve Kommunikation sonst den Ton für den Rest der Kommunikation setzt.

Wie soll man de­struk­ti­ver Kommunikation ent­ge­gen­tre­ten?

Frühzeitig. Gesichtswahrend, aber ent­schie­den und nach­drück­lich.

Soll man sich von „Das wird man doch wohl noch sa­gen dürfen”-Beschwichtigungen da­von ab­len­ken las­sen?

Nein.

(aus: Sabria David, „Was tun ge­gen Hatespeech?“)

4. Eine Strafanzeige stellen

Betreiber von Foren oder Websites soll­ten sich auch aus recht­li­chen Gründen da­mit be­schäf­ti­gen, wie sie mit Hatespeech um­ge­hen. Denn sie kön­nen be­langt wer­den, wenn sie von ei­ner rechts­ver­let­zen­den Äußerung Kenntnis ge­nom­men ha­ben (et­wa durch Hinweis der Betroffenen oder an­de­rer Nutzer) und nichts da­ge­gen un­ter­nom­men ha­ben. Es gibt kei­ne Gesetze, die sich di­rekt auf Hate Speech be­zie­hen. Wer klagt, kann sich aber durch­aus auf be­stehen­des Recht be­ru­fen, das un­ter an­de­rem Beleidigung, üb­le Nachrede und Verleumdung un­ter Strafe stellt. Mittlerweile gibt es deut­sche und auch eu­ro­päi­sche Urteile zum Thema Hate Speech als Vorlagen für die Justiz.

Die ZDF-Moderatorin Dunja Hayali zum Beispiel hat­te ge­gen ei­nen User ge­klagt, der sie auf ih­rer Facebook-Seite be­lei­digt hat­te. Per einst­wei­li­ger Verfügung un­ter­sag­te ihm das Gericht ent­spre­chen­de Hasskommentare. Bei Zuwiderhandlung droht ihm ein Ordnungsgeld von bis zu 250.000 Euro. Auch die Politikerin Renate Künast stellt re­gel­mä­ßig Strafanzeigen. Sie warnt in ih­rer Nettiquette:

Ich stel­le zwar re­gel­mä­ßig Strafanzeigen we­gen Beleidung und Volksverhetzung, die Ermittlungsbehörden ver­fol­gen Ihre Taten aber nur ver­ein­zelt und stel­len die Verfahren rasch ein. Trotzdem kann es un­an­ge­nehm sein, wenn ge­gen Sie er­mit­telt wird. (Renate Künast, Facebookseite, Nettiquette)

5. Im persönlichen Gespräch begegnen

Zwei Menschen, die im Netz übels­te Beleidigungen und Anfeindungen bis hin zu Drohungen er­lei­den muss­ten und müs­sen, ha­ben das di­rek­te Gespräch ge­sucht und „ih­re“ Kommentatoren in ei­ner rea­len Begegnung von Gesicht zu Gesicht zur Rede ge­stellt.

Renate Künast mach­te sich im Sommer in Begleitung ei­ner SPIEGEL-Journalistin auf die Reise und be­such­te un­an­ge­kün­digt die­je­ni­gen, die sie im Internet mit Hasskommentaren be­dacht hat­ten. Die Reaktion des Mannes, der sie un­ter an­de­rem als „ab­ar­ti­ge und un­fä­hi­ge Möchtegern-Politikerin“, als „Gesindel“ be­schimpft hat­te und ihr und ih­rer Familie ge­wünscht hat­te, sie möch­ten Opfer ei­nes Terror-Anschlags wer­den:

Ach, er ha­be das doch gar nicht so ge­meint. Er ha­be nichts ge­gen sie. Man re­de doch so da­her, ob sie denn nie so mit ih­ren Kumpels re­de? Ihm sei auch gar nicht klar ge­we­sen, dass sie das le­se. (DER SPIEGEL 44/2016 – Bezahl-Link zum Beitrag).

Auch Florian Klenk, Chefredakteur der ös­ter­rei­chi­schen Wochenzeitung „Falter“, lern­te den Mann per­sön­lich ken­nen, der in ei­nem Kommentar auf der Facebook-Seite der FPÖ ge­pos­tet hat­te, man sol­le den Journalisten ver­bren­nen. „Boris“ war be­reit, zwei Stunden mit Klenk zu dis­ku­tie­ren, und zeig­te durch­aus Einsicht. Für Nachrichten, die nicht in sei­nem Facebook-Stream er­schei­nen, wird er je­doch auch in Zukunft kaum er­reich­bar sein. Wie man da­mit um­ge­hen soll? Klenk zi­tiert ei­nen Psychiater:

Krankhaft ist das al­les noch nicht. Wer sei­ne Welt mit Ängsten über­frach­tet, kön­ne noch kor­ri­giert wer­den. Etwa durch das Reden, durch die Konfrontation mit an­de­ren Meinungen.
(
Floria Henk: Boris woll­te mich ver­bren­nen, Falter 45/16)

6. Freundlich sein

smiley-1274729_1920

Einen Tag lang woll­te die FAZ-Journalistin Friederike Haupt im Netz „nur Liebeskommentare schrei­ben: Komplimente, Dankeschöns, Besinnliches“ – auch oder ge­ra­de, wenn je­mand ihr un­freund­lich be­geg­ne­te. Es soll­te aber nicht ge­lo­gen sein. Das Fazit am Ende die­ses Tages war zwar er­nüch­ternd: Bis auf ein paar hä­mi­sche Antworten wur­de sie mit ih­ren freund­li­chen Beiträgen ein­fach igno­riert. Aber ihr Bericht über den Selbstversuch trug dann ers­te Früchte: „Machen Sie wei­ter mit Ihren lie­bens­wür­di­gen Kommentaren und glau­ben Sie dar­an, dass wir et­was än­dern kön­nen! Ich ma­che ab so­fort mit“, heißt es in den Kommentaren zu ih­rem Text.

7. Jeden Tag widersprechen

Der Journalist Martin Weigert hin­ter­fragt im Kampf ge­gen het­ze­ri­sche und ag­gres­si­ve Äußerungen im Netz die al­te Regel „Don’t feed the Trolls“. Sein Rezept da­ge­gen lau­tet: „Trolle füt­tern bis sie plat­zen: Warum du ein­mal pro Tag ei­nem Netz-Unruhestifter wi­der­spre­chen soll­test“. Er sieht dar­in we­ni­ger die Chance, die Unruhestifter und Hetzer zu be­keh­ren. Vielmehr möch­te er ih­ren Aussagen et­was ent­ge­gen­stel­len, ih­nen und auch al­len an­de­ren sicht­bar ver­deut­li­chen, dass sie nicht in der Übermacht sind:

Es geht gar nicht dar­um, ein lan­ges Streitgespräch zu füh­ren oder ar­gu­men­ta­tiv zu bril­lie­ren – nicht al­len ist das Diskutieren in die Wiege ge­legt. Es ge­nügt, ein­mal kurz den Inhalt ei­nes Troll-Kommentars mit ei­nem kon­trä­ren Fakt, ei­ner kri­ti­schen Rückfrage oder ei­ner sa­ti­ri­schen Bemerkung in Frage zu stel­len. Einfach um zu zei­gen: „Ich wi­der­spre­che“.

Weitere Beiträge zum Thema:

Carolin Emcke: Gegen den Hass (S. Fischer-Verlag 2016). Das Buch der Publizistin ist ein gro­ßes Plädoyer für ei­ne viel­fäl­ti­ge, de­mo­kra­ti­sche Gesellschaft und ein en­ga­gier­ter Aufruf, dem Hass zu wi­der­spre­chen. Sie lie­fert da­mit Denkanstöße und wich­ti­ge Argumente für die Debatten mit de­nen, die an­ders den­ken. Carolin Emcke er­hielt in die­sem Jahr den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

Die Europarat-Kampagne „No Hate Speech“ (in Deutschland ge­för­dert vom BMFSFJ) greift Material von be­stehen­den Initiativen auf, um Hassreden im Netz zu be­kämp­fen. Die Seite rich­tet sich vor al­lem an jun­ge Menschen, um ih­nen zu er­mög­li­chen, sich ge­gen Hate Speech zu en­ga­gie­ren. Betroffene sol­len ge­schützt und ge­stärkt wer­den. Gleichzeitig wol­len die Initiatoren sicht­bar ma­chen, wie vie­le Menschen sich ge­gen Cyber-Hetze ein­set­zen.

In ih­rem Feature: „Trump, Le Pen, AfD: Geschichten ge­gen des Hass. Eine Suche.“ (Zündfunke-Generator, Sendung vom 4. Dezember 2016, 22 Uhr, Bayern 2) möch­te Julia Fritzsche her­aus­fin­den, ob es über die em­pör­ten Reden hin­aus wirk­lich neue Erzählungen ge­gen Hass und Rassismus gibt. Sie er­forscht da­bei auch die Ursachen des Erfolgs rechts­po­pu­lis­ti­scher Beiträge.

 

 

2 Kommentare

  • 12. Dezember 2016 - Karl Willems
    Klare Haltung, vielfältige Anregungen - wer etwas gegen Hass und Beschimpfung tun möchte, findet hier etwas, was zu ihm passt. Nur wenn der Beschimpfer dann amerikanischer Präsident ist - was dann?
  • 13. Dezember 2016 - Nicola Wessinghage
    Danke für das Feedback! Es muss nicht unbedingt einen Unterschied machen, wer der Verursacher von Hatespeech ist, den Auslassungen des Präsidenten lässt sich genauso etwas entgegensetzen - auch wenn davon bei ihm persönlich nicht so viel ankommen wird.

Artikel kommentieren

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Suche im Blog

Archiv