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Lärmstudie NORAH: Wissenschaftskommunikation in kritischem Umfeld

Heute ist Tag gegen Lärm. Eine gute Gelegenheit, mal über unseren Bezug zum Thema Lärm zu schreiben: Seit etwa einem halben Jahr betreuen wir die Öffentlichkeitsarbeit der NORAH-Studie, die die Auswirkungen von Verkehrslärm auf den Menschen untersucht. NORAH ist die bislang umfangreichste Studie zu diesem Thema.

Als wir im letzten Jahres von der Ausschreibung des Kommunikationsetats erfuhren, waren wir zuerst skeptisch: Auftraggeber von NORAH ist die Gemeinnützige Umwelthaus GmbH, eine Tochter des Landes Hessen, das wiederum zu rund einem Drittel am Frankfurter Flughafen beteiligt ist. Sollte die Studie Fluglärm verharmlosen? Würde das Land kritische Ergebnisse überhaupt zulassen, die den Flughafengegnern in die Hände spielen? Seit den Protesten gegen die Startbahn West in den 70er und 80er Jahren polarisiert der Flughafen die Region. Auf der einen Seite stehen die Befürworter des Flughafens, die in ihm einen elementaren Wirtschaftsfaktor sehen und einen weiteren Ausbau begrüßen. Auf der anderen stehen von Fluglärm Betroffene, die diesen Ausbau bekämpfen und mehr Lärmschutz fordern. Ist es überhaupt möglich, eine Studie, die das Herz dieses Konfliktes betrifft, neutral und ausgewogen zu kommunizieren? Sprich: Sollten wir uns darauf einlassen?

Auftragsforschung mit Transparenzgarantie

Das erste, was uns überzeugte, war ein Detail im Vertrag des wissenschaftlichen Konsortiums mit seinem Auftraggeber: Alle beteiligten Wissenschaftler dürfen ihre Ergebnisse ein halbes Jahr nach Übergabe an das Umwelthaus frei und selbständig veröffentlichen. Damit ist garantiert, dass potenziell kritische Ergebnisse nicht unter den Tisch fallen können. Das zweite Argument für NORAH war für uns die Größe und Reputation des wissenschaftlichen Konsortiums: Neun renommierte Institutionen sind beteiligt, unter anderem die Ruhr-Universität Bochum, die TU Dresden, die Universität Gießen und die TU Kaiserlautern. Deren Arbeit wiederum kontrolliert ein vom Konsortium unabhängiger Beirat aus hochkarätigen Wissenschaftlern aus dem In- und Ausland. Wir halten diese Struktur für sehr solide. Und man muss ja auch mal umgekehrt fragen: Wer sonst sollte denn Forschungsvorhaben dieser Größe überhaupt finanzieren? Die Deutsche Forschungsgemeinschaft DFG finanziert unseres Wissens keine Lärmwirkungsforschung, weil das in ihren Augen Anwendungsforschung ist. Drittmittelstudien der Flugwirtschaft wären noch stärker dem Vorwurf ausgesetzt, interessengeleitet zu sein.

An der Finanzierung von NORAH beteiligen sich neben dem Land Hessen und der Flugwirtschaft auch Kommunen im Umfeld des Flughafens. Dadurch konnten sie ebenfalls Einfluss auf die untersuchten Fragestellungen nehmen. Auch das erscheint uns vernünftig. Wir bewarben uns also auf den Etat – und gewannen. Offensichtlich wurde es eher als Vorteil betrachtet, dass wir als Hamburger einen neutralen Blick von außen auf die Lage vor Ort werfen können. Unser Auftrag besteht nicht nur in der Kommunikation mit den Menschen im Rhein-Main-Gebiet, sondern vor allem in der überregionalen Kommunikation der Studie als Wissenschaftsthema.

Wissenschaft zwischen den Stühlen

Wir begannen mit einer kleinen Tour durch die Region und sprachen mit verschiedenen Interessengruppen: Kommunen, Umweltverbänden, dem zuständigen Landesministerium, der Lufthansa, der Fraport AG etc. Schnell wurde uns klar, wie der Hase läuft: Fast jeder, der in der Region mit dem Flugverkehr zu tun hat, erhofft sich von NORAH eine wissenschaftliche Bestätigung der eigenen Sichtweise. Und fast alle befürchten, dass NORAH der Gegenseite in die Hände spielen könnte. Unser Ziel ist es jedoch, dass die Studie an sich erst einmal anerkannt wird und dass man sich mit den Ergebnissen auseinandersetzt, egal wie sie ausfallen.

Einen winzigen Vorgeschmack auf die Veröffentlichung von NORAH gab vor kurzem ein Bericht über Luftuntersuchungen des Hessischen Landesamtes für Umwelt und Geologie im Umfeld des Flughafens. Herausgekommen war, dass die Luft in Flörsheim nicht schlechter ist als anderswo. Unter anderem berichtete die FAZ darüber. Ein erboster Leser schrieb daraufhin seiner Zeitung, da „muss der Leser doch den Verdacht haben, dass hier im Auftrag eines Ausbaubefürworters gehandelt wurde“ (gemeint ist der Flughafenausbau). Der angesprochene Redakteur Werner D´Inka antwortete mit folgendem Vergleich:

Eintracht Frankfurt hat am Wochenende x:y gewonnen/verloren. Welche Absicht bezwecken wir mit dieser Meldung? Der Eintracht arglistig zu schaden/besinnungslos zu huldigen? Nein, wir teilen etwas mit, von dem wir annehmen, dass es die Leser interessiert. Das war auch bei der Flörsheim-Meldung der Fall. (…) Das mitzuteilen war unsere Absicht, sonst nichts.

Dieses „nur etwas mitteilen, sonst nichts“ wird aber schwierig, wenn Auftragsforschung per se unter dem Generalverdacht steht, interessengeleitet zu sein.

Erstmal Grundlagen vermitteln

Die ersten Ergebnisse der NORAH-Studie sollen im Herbst 2014 veröffentlicht werden. Wir nutzen die Zeit bis dahin, um zu erklären, was genau untersucht wird und wie die Wissenschaftler diese Aufgabe angehen. Unter dem Titel „NORAH Wissen“ veröffentlichen wir eine Reihe von Broschüren, unter anderem über die Methodik. Die ersten beiden Ausgaben sind bereits fertig. Hier die Nummer 1:

Cover der Broschüre NORAH Wissen

Kinderstudie: Auswirkungen von Fluglärm auf Kinder (PDF, 2 MB)

Wir machen darin deutlich, welche Anstrengungen das Konsortium unternimmt, um sichere Ergebnisse zu gewinnen. Zum Beispiel beziehen die Wissenschaftler mehr potenzielle Störfaktoren in ihre Betrachtungen ein als jede andere Studie zuvor. Und sie berechnen die genaue Lärmbelastung an 900.000 Wohnadressen, und zwar rückwirkend 15 Jahre in die Vergangenheit. Auch Umzüge von Versuchspersonen werden berücksichtigt, so dass am Ende individuelle „Lärmhistorien“ jeder untersuchten Person vorliegen – ein gewaltiger Aufwand!

Die beste Methode, der Öffentlichkeit solche Grundlagen zu vermitteln, sind persönliche Gespräche. Doch selbst das ist in der emotional aufgeladenen Situation am Frankfurter Flughafen nicht ganz einfach, wie das folgende Missverständnis zeigt: Nach der Ankündigung, der Leiter der Studie werde zu einem Gespräch in die Region kommen, verbreitete sich plötzlich das Gerücht, es würden bei dieser Gelegenheit erste Ergebnisse kommuniziert. Wir hatten das mit keiner Silbe erwähnt – die ersten Ergebnisse kommen im Herbst. Aber plötzlich stand es im Netz und das Umwelthaus bekam irritierte Anrufe einiger Journalisten.

Das Beispiel zeigt, wie stark sich ein solches Projekt von den üblichen Anforderungen in der Wissenschaftskommunikation unterscheidet. Wie können wir in diesem Umfeld erfolgreich arbeiten? Zum einen müssen wir sehr genau sein und jede Formulierung aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten. Zum anderen brauchen wir die richtige Mischung von Verständnis und professioneller Distanz zu beiden Seiten. Wenn die Wissenschaft zwischen den Stühlen sitzt, dann ist es unsere Aufgabe, ihr einen weiteren Stuhl heranzurücken, damit sie ihren Platz einnehmen kann: in der Mitte.

 

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