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Kurzfilme: neues Welterbe in Szene gesetzt

Seit Ende Juli ist die Menschheit um 34 Welterbestätten reicher, darunter auch fünf in Deutschland. In Kurzfilmen und Texten haben wir letztere im Auftrag der Deutschen UNESCO-Kommission porträtiert – und selbst viel gelernt.

Jüdischer Friedhof, Worms.

Der jüdische Friedhof in Worms. Foto: privat

Die Hürden sind hoch, um auf die Welterbeliste der UNESCO aufgenommen zu werden. Der Titel ist Natur- und Kulturerbestätten „von außergewöhnlichem universellem Wert für die gesamte Weltgemeinschaft“ vorbehalten. Ende Juli hat das Welterbekomitee der UNESCO diese hohe Bedeutung auch fünf Stätten zugesprochen, die ganz oder teilweise in Deutschland liegen: den römischen Überresten am Donaulimes sowie am Niedergermanischen Limes, bedeutenden europäischen Kurstädten, der Darmstädter Künstlerkolonie Mathildenhöhe, außerdem den sogenannten SchUM-Stätten in Speyer, Worms und Mainz, die im Mittelalter das Zentrum des europäischen Judentums bildeten.

Mann beißt Hund auf Drehtour von Speyer nach Xanten

Was diese Orte zum Welterbe macht, erklären Textporträts sowie mehrere Kurzfilme, die wir seit 2019 im Auftrag der Deutschen UNESCO-Kommission produziert haben. Zuletzt war ich dafür mit dem Filmemacher Erik Hartung im Juni eine Woche lang an den SchUM-Stätten und am Niedergermanischen Limes unterwegs. Die Aufgabe war knifflig, weil nur noch wenige Monumente sichtbar von der Kraft zeugen, die einst von diesen Orten ausging. Viele historische Überreste der Bauwerke liegen als „Bodendenkmäler“ geschützt unter der Erde. Und auch die überirdischen Monumente geben ihre Geschichte nicht auf den ersten Blick preis. Um die Faszination erlebbar zu machen, knüpfen unsere Filme vor allem bei denjenigen an, die sich seit Jahren für diese historischen Stätten begeistern: den (Kunst-)Historiker*innen und Archäolog*innen, die in akribischer Detektivarbeit Informationen über Menschen und Geschichten an diesen Orten freilegen und zusammensetzen.

Geschichten in der Geschichte finden

Mit ungefähr 20 Personen haben wir im Lauf unserer Drehtour gesprochen, ihnen unzählige Fragen gestellt und uns von ihrer Begeisterung anstecken lassen. Wir haben in der Geschichte – also der historischen – lauter Einzelgeschichten entdeckt. Besonders fasziniert hat mich der Wormser Grabstein der Kantorin Malka ben Chalafta aus dem Jahr 1228 – von ihm weiß man, dass Frauen im religiösen Leben der SchUM-Gemeinden schon früh eine wichtige Rolle spielten. Auch die Tragik und Beharrlichkeit der jüdischen Ansiedlungen im Lauf der Geschichte haben mich beeindruckt. Immer wieder fielen die Gemeinden und ihre Bauwerke entsetzlichen antisemitischen Pogromen zum Opfer – von den Kreuzzüglern im 11. Jahrhundert bis zu den Nationalsozialisten. Und dennoch haben sich immer wieder neue jüdische Gemeinden angesiedelt. „Mir ist wichtig, dass diese Geschichte immer noch erzählt wird“, hat uns der Mainzer Rabbiner Aharon Ran Vernikovsky gesagt, als wir zwischen den Grabsteinen von Europas ältestem jüdischem Friedhof standen, dem Mainzer Judensand. Ohne das religiöse Vermächtnis der mittelalterlichen SchUM-Gelehrten sei das Judentum heute gar nicht zu verstehen.

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Bis heute sichtbare Spuren erkennen

Faszinierend fand ich auch die Grabbeigaben eines römischen Soldaten, der das Glücksspiel liebte. Sie sind im Römischen Museum Remagen ausgestellt: Würfel und Spielsteine sowie eine Statuette der Glücksgöttin Fortuna. Wir lernten zudem die Methoden kennen, mit denen Archäolog*innen im Boden verborgene Denkmäler erforschen: Geophysik und Luftbildarchäologie. Sie tragen dazu bei, Bodendenkmäler ohne Ausgrabung zu untersuchen, und haben den Wissenschaftler*innen allein während der Vorbereitung des Welterbe-Antrags viele neue Funde beschert. Ich hatte die Gelegenheit, einen Grabungstechniker zu seinem Arbeitsalltag zu befragen (viel Arbeit am Computer, aber auch Drohnenfliegen gehören dazu). Und ein 80-jähriger Rentner hat mir erzählt, wie er Schulklassen im ehemaligen Hilfstruppenkastell Haus Bürgel für römische Geschichte interessiert (unter anderem: Brot backen, Mosaike legen, Sonnenuhren bauen).

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Besonders lebendig präsentiert der LVR-Archäologische Park Xanten die Geschichte des Niedergermanischen Limes: Er hat sich auf die wissenschaftlich möglichst genaue Rekonstruktion von Gebäuden spezialisiert, deren Originale im Boden liegen – die Überreste der römischen Metropole Colonia Ulpia Traiana: Wohnhäuser, eine Herberge, ein Tempel, Handwerkerhäuser, ein Amphitheater. Außerdem baut hier der niederländische Holzschiffbauer Kees Sars römische Schiffe nach: Patrouillen- und Fischerboote, Rheinfähren, es gibt sogar ein Fischerboot mit abschließbarem Lebendfischbehälter zum Hinterherschleppen. Allen gemeinsam ist der geringe Tiefgang, weil der Rhein damals an einigen Stellen nur wenige Zentimeter tief war – und doch für die Römer das war, was für uns heute die Autobahnen sind, so formuliert es der Leiter des Parks, Dr. Martin Müller. Nicht drehen konnten wir im Amphitheater Xanten-Birken. Zwischen den von den Römern aufgehäuften Erdwällen feierte gerade eine Schule coronaverträglich im Freien ihre diesjährigen Absolvent*innen. Wie viele der Schüler*innen wohl wussten, dass am selben Ort einst Gladiatoren- und Bärenkämpfe stattgefunden haben?

Wissen lebendig vermitteln und selbst dazulernen

Am Wochenende nach unserer Tour ratterte mein Gehirn noch lange, um die vielen Geschichten zu sortieren. Das sind für mich die schönsten Aufträge: wenn wir lauter neugierige Fragen stellen dürfen und am Ende nicht nur Wissen vermitteln, sondern selbst viel Neues lernen. Wenn ich das nächste Mal an historischen Monumenten aus der Antike und dem Mittelalter vorbeikomme, werde ich mit einem ganz neuen Blick auf die alten Steine schauen.

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